Balvenie

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Samstag, 28. Dezember 2013

Friedrich Ani - M

Am 22. Januar verlässt der 54-jährige Taxifahrer Siegfried Denning die Wohnung seiner Geliebten, der Journalistin Mia Bischof, um seinen Nachtdienst anzutreten und bleibt anschließend verschwunden. Eine Woche später beauftragt Mia Bischof die Detektei Liebergesell, um nach dem Vermissten zu suchen. Viel mehr muss man zum Inhalt gar nicht schreiben. 


Zu diesem Zeitpunkt ahnt der Leser noch nicht, dass der in Kochel am See geborene und in München lebende Schriftsteller Friedrich Ani in diesem „Süden-Roman“ so politisch wie kaum zuvor werden wird. Denn dieses Mal taucht der Leser in die bayerische Neonazi-Szene ein. Aktueller denn je entwickelt sich bei der Suche nach Siegfried Denning ein Spiel mit Behinderungen zwischen der privat agierenden Detektei um Tabor Süden, der Mordkommission beim Polizeipräsidium München, dem bayerischen Landeskriminalamt und dem Verfassungsschutz. Ermittlungen, die jeder für sich selbst betreibt, taktischen Überlegungen, die dazu führen, dass wichtige Details unter den Tisch gekehrt werden und im schlimmsten Fall ein frühzeitiges und rechtzeitiges Einschreiten verhindern. Unbeirrt von jeglichen Maßnahmen der zuständigen Behörden können die Nazis in der bayerischen Landeshauptstadt ihr Treiben planen und durchführen. Dabei kommt frühzeitig die Frage auf: Was müssen wir tun, um am Ende nicht wieder so dazustehen, als hätten wir von nichts gewusst, noch dazu, wenn Menschen zu Schaden gekommen sind?

Ganz nebenbei beschreibt Ani auch Veränderungen in der Gesellschaft. Die Zahl der anonymen Beisetzungen steigt an, die Auftraggeber einer Detektei sind oftmals viel problematischer als die Zielpersonen. Ein Mann wohnt im Osten der Stadt, arbeitet im Norden und hat westlich des Mittleren Rings seine Stammkneipe. Er lässt seinen Hauptprotagonisten natürlich wieder am Rand des Erlaubten, und somit in der Illegalität, ermitteln. Spätestens hier ist klar, dass es eine brillante Idee des Schriftstellers war, den ehemaligen Ermittler bei der polizeilichen Vermisstenstelle nun als privaten Detektiv wieder auf den Plan zu rufen.

Diese Geschichte ist keine „Provinzposse“, sondern ein leise erzählter Krimi über Schicksale von Menschen und einem brutalen, „braunen“ Hintergrund, der politisch gesehen zwar Tatsache, aber eben auch eine Katastrophe ist. Eine Erzählung voller Menschlichkeit in einer ruhigen, aber sehr deutlichen Sprache. Ein wichtiges Meisterwerk, welches vollkommen zurecht ganz oben auf der deutschen Krimiliste steht. Abschließend lässt der Autor bei mir nur die Frage offen: Was bedeutet eigentlich „M“? München? Melancholie? Martin? Mia?


ISBN-10: 342619953X
ISBN-13: 978-3426199534
365 Seiten
erschienen am 01. Oktober 2013
Droemer Verlag 

Samstag, 21. Dezember 2013

HU-Tobacco - Janneman Flake

Am 21. Dezember weihnachtet es überall und auch der genüsslichste und routinierteste Pfeifenraucher kann unter Umständen noch mal ins Schwitzen geraten, wenn er denn noch nicht alle Besorgungen für die Festtage erledigt hat. Aber ansonsten ist Weihnachten für viele etwas ganz Besonderes. Lassen wir christliche Betrachtungsweisen an dieser Stelle außen vor, denn auch ich rauche ganz gerne in Ruhe zu Hause einen guten Tabak aus einer schönen Pfeife, während sich alle anderen in Gotteshaus tummeln und eine besinnliche Miene aufsetzen, um dort wenigstens einmal im Jahr gesehen zu werden.

Pfeifenforen meide ich inzwischen ebenfalls, da dort in zahlreichen Fällen die Pfeifenraucher bei besinnlichen Themen über den Schmauch und den dazu gehörigen Ritualen wie die Kesselflicker verbal aufeinander eindreschen. Und zwar mindestens so schlimm wie die Modelleisenbahner. Deswegen sagt mir auch das holländische Pfeifenforum „PRF“ nichts. Von dem hörte ich neulich zum ersten Mal, als Hans Wiedemann von HU darauf aufmerksam machte, dass für dieses Forum drei neue, bzw. überarbeitete Tabake entstanden sind. Eine aromatische „Kaffee-Mischung“, ein „Engländer“ und ein Virginia-Perique-Flake. Also ein „VAper“, wie der mundfaule YouTuber im englischsprachigen Kreis zu sagen pflegt.



In Anlehnung an den holländischen „Pater Noster“ schimpft sich dieses Werk schlicht „Janneman Flake“. Nach dem Öffnen der Dose schlägt das Weihnachtsherz für jeden faulen Kirchgänger und/oder Flakefan sofort höher. Ein wunderbarer dunkelbrauner Flake an einem Strang. Ein „firecured“ Virginia mit einer Prise Perique. Der Duft? Bestes Schwarzbrot. Und beim Anfassen weich, genau richtig konditioniert. 

 
Fast zu schön, um ihn anzureißen. Bringt man das allerdings übers Herz, lässt sich dieser Flake einfach und gefühlvoll stopfen. Ein bis zwei Zündhölzer reichen für eine flächendeckende Glut vollkommen aus. Und dann offenbaren sich herrliche, sanft süße und in der Tat cremige Aromen. Die dezente Würze und das „firecured“ schärfen die Sinne und lassen den Virginia-Fan als Raucherengel aufsteigen. Samtig an Gaumen und Zunge raucht sich dieser mittelstarke Flake ohne jegliches Beißen runter. Egal, ob mit oder ohne Filter. Er ist gutmütig und hat große Schwierigkeiten, die Pfeife mehr als notwendig zu erhitzen. Man sitzt da, denkt über die schönen Dinge des Lebens nach und stellt fest, dass sowohl der Raucher als auch die Pfeife äußerst cool sind.

Da mir dieser Flake nicht zu komplex erscheint, und auch wegen seiner Freundlichkeit in Sachen Handling, kann es hier nur eine Empfehlung geben. Auch für diejenigen, die sich an einen Flake bisher noch nicht gewagt haben. Zwar für ein holländisches Forum kreiert, so ist der Tabak auch für uns über die Webseite von HU ohne Probleme erhältlich. Noch passend zum „Rauchfest“ gibt es hier also ein wunderbares Kraut, was mich freudig ein paar Runden um den Weihnachtsbaum laufen lässt!

Mittwoch, 11. Dezember 2013

DTM - Da Vinci

Auch wenn der überwiegende Teil meiner verkosteten Tabake aus der naturnahen Richtung kommt, so gebe ich zu, dass ich immer auch wenigstens eine Dose mit aromatischen Kraut geöffnet habe. Dabei bin ich so frei und erhebe Ansprüche. 1. Der Duft in der Dose und der Geschmack an Zunge und Gaumen müssen mich ansprechen, 2. die verwendeten Tabake sollen hochwertig sein und 3. die Füllung soll durch schmecken. Letztes ist der schwierigste Punkt, denn allzu oft hat es sich mit dem Genuss nach etwa der halben Füllung, das Aroma ist ab diesem Zeitpunkt weg und was dann noch übrig bleibt ist bestenfalls dazu geeignet, im Mundraum einen ledrigen Putzlumpen zu hinterlassen. In diesem Fall spricht man dann von einer sog. Rauchpappe, einer Spezies, die auf dem Markt überproportional vertreten ist. Ganz böse sind diese Vertreter, die sich dann auch noch nachhaltig im Holz des Pfeifenkopfes verewigen und meinen, sie müssten auf diese Art und Weise einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 

 
Wer sich aber umschaut und sich nicht nur auf den Pfaden des Mainstreams bewegt, der kann fündig werden und mit hoch aromatischen Tabaken wahre Gaumenfreuden erleben. Aufmerksamkeit sollte man diesbezüglich dem „Da Vinci“ von DTM schenken. Braune und hellere Virginias vermischt mit Black Cavendish. Dazu ein Aroma von süßlichem (Wild-)Honig gepaart mit einem schmackhaften Vanille-Casing. Oben drauf eine dezent (rot-)weinige Note. Der Werbetexter des Herstellers hat sich erlaubt, als Herkunft für den Honig und den Rotwein den Süden der Toscana zu nennen. Einer wunderschönen Landschaft, die DTM inzwischen nach dem Erscheinen des „Memories of Tuscany“ nicht weiter strapazieren sollte.




Ist die Dose geöffnet, kommt einem eine süßliche, aber nicht klebrige, Duftwolke entgegen. Betörend kann man dazu auch sagen. Das Schnittbild ist ready rubbed, was ein sorgfältiges Stopfen der Pfeife recht einfach macht. Nach dem Anzünden geht es dann mild-süß auf der Zunge weiter. An diesem Punkt bin ich nicht neutral, denn es ist in der Tat alles persönliche Geschmackssache. Dieses Aroma ist bei mir ein Volltreffer und verursacht tatsächlich, dass die Suche nach echtem Tabakgeschmack vernachlässigt wird. Und obwohl das Aroma so heftig ist, habe ich nicht im Ansatz das Gefühl, einer chemischen Keule aufgesessen zu sein. Der Rauchgenuss zieht sich bis zum Pfeifenboden, es verfliegt zwischen drin nichts. Es ist eine Mischung um den Tag zu beginnen oder am Nachmittag eine Tasse Kaffee zu genießen. Der Tabak ist leicht, die Raumnote ist deutlich, aber nicht unangenehm. Ein toller Hocharomat, für mich ein Kunstwerk. IN FUMA È VERITA!

Sonntag, 8. Dezember 2013

McClelland - Virginia Matured #25

Wie in McClellands „Matured Virginia“-Serie üblich, finden sich auch in der #25 gereifte Virginias, und zwar rote und schwarze. Gereift als Tabakkuchen, dieses Mal allerdings als „ready rubbed“ in die Dose gefüllt. Für einen Fan der Serie ein Augenschmaus. Und hat man nach dem Öffnen der Dose das neudeutsch bezeichnete „Ketchup-Tin-Aroma“ hinter sich, dann duftet es schlicht nach Natur, bodenständig mit süßen und sauren Spitzen im Wechselspiel. Oft kommen diese Virginias recht feucht zu Hause an, durch das feinere Schnittbild trocknet der Inhalt hier allerdings um Längen zügiger als bei den Flakebrüdern aus derselben Schmiede.



Da dieser Tabak bereits rauchfertig ist, kann es an sich unkompliziert los gehen. Ein mittelgroßer Kopf, das Kraut bis zu zwei Drittel der Füllung sanft einfüllen und erst den Abschluss etwas andrücken. Das hat sich für das Rauchvergnügen der #25 als Vorteil erwiesen, denn der Tabak mag von unten atmen und seine Geheimnisse nur sparsam preis geben. Der hier ist nicht zum „Nebenherrauchen“ gedacht, sondern es handelt sich um einen naturnahen Burschen, der vom Raucher erkundet und erforscht werden will. Geht man darauf nicht ein, lässt uns dieser McClelland ziemlich rat- und ahnungslos im Regen stehen. Das Weglassen eines Filters kann hier übrigens sehr hilfreich sein! Zungenbrand? Kein Spur...

Er ist mittelstark, nicht übermäßig süß und an machen Stellen etwas würzig. Man kann fast den Eindruck gewinnen, dass etwas Orienttabak dazu gemischt wurde. Reine Spekulation meinerseits und es ist doch schön, wenn beim Genuss eines Tabaks die Fantasie angeregt wird. Hastiges Ziehen quittiert diese Virginiamischung zwar mit Hitze, zeigt sich aber in ihrem Geschmack nicht allzu zickig. In dieser Beziehung ist die #25 also recht gutmütig. Im Raum durftet es nach Virginia... mehr muss man dazu nicht sagen, eher unspektakulär.


Schließlich halte ich diesen Tabak für Beginner nicht unbedingt geeignet. Es ist eine Mischung, die bei zu wenig Aufmerksamkeit schnell in die Ecke der Belanglosigkeit verschwinden kann. Ein fataler Fehler, denn hier befindet sich ein schüchterner „Highend“-Tabak in der Pfeife, dessen Stärken im Detail liegen, der auch erfahrene Pfeifenfreunde herausfordert und bei guter Behandlung eine echte Belohnung bereit hält.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Peterson - Holiday Season 2013

Pünktlich zum ersten Advent habe ich mich in diesem Jahr, entgegen meiner Gepflogenheiten, dazu hinreißen lassen, eine sog. „Weihnachtsmischung“ auszuprobieren. „Holiday Season 2013“ von Peterson steht auf dem schmucken Döschen. Als Hersteller fungiert abermals Kohlhase & Kopp, jedenfalls flüstert dies die Steuerbanderole.


Mir entgegen kommt auf alle Fälle der etwas geringere Anteil von Black Cavendish, dafür aber eine gehörige Portion von nussigen Burley und hellen Virginias. Dazu ein Aroma von Honig, Pflaume und Zimt. Nach dem Öffnen des ordentlichen „Cellophanbeutels“ erwischt mich die Mischung positiv, weil sie zwar kräftig, aber dennoch nicht zu aufdringlich duftet. Die hellblaue Dose ist der Nase nach schon mal kein Chemiekasten. Die Nase erforscht tatsächlich eine dunkle Frucht mit einem Hauch von Zimt, der mitschwingt. Die Kombination von beidem weckt in mir bei guter Fantasie weihnachtliche Stimmung. Das Tabakbild selbst ist ein Hingucker, größtenteils gerissen und dann alles sauber gemäß seinem Anteil miteinander vermischt.




Bedienerfreundlich ist die Jahresmischung auch deswegen, weil sie nicht zu feucht ist und somit direkt gestopft und geraucht werden kann. Lüften ist, zumindest in meinem Döschen, nicht notwendig. Max. zwei Zündhölzer und es kann schon losgehen. Ich denke, mit dem Burley und seiner nussigen Note hat man einen grundsoliden Boden für diesen Tabak, der der Jahreszeit entsprechen soll, geschaffen. Die Virginias lassen ihrer dezenten Süße freien Lauf und jetzt kommt es... der Black Cavendish ist hier ein sehr angenehmer Träger des beigefügten Aromas. Auch im Geschmack erschlägt es mich nicht, es macht neugierig und lässt mich als Raucher in sich gehen, um es zu ergründen und zu erschmecken. Ohne Frage ist es fruchtig. Aber so fruchtig, das ich die Pfeife keineswegs gleich wieder aus der Hand lege und dem Tabak für immer adieu sage. Was hier als Zimt angepriesen wird, wirkt auf mich ebenfalls sehr angenehm. Also: Ein gelungenes Aroma als Ganzes, wobei ich mir den angekündigten Honig irgendwie hinein denke. Das Hirn raucht eben mit!

Die Mischung lässt im Übrigen sogar Platz für natürliche Aromen, die verwendeten Tabake dürfen sich zu Wort melden. Das ist erfreulich! Irgendwo zwischen leicht und mittelstark lässt sich der Tag mit dem „Holiday Season 2013“ ganz gut beginnen, bei mir findet er allerdings spätestens beim Nachmittagskaffee sein Ende. Danach mag ich dann doch lieber etwas herzhaftes mit einer Spur natürlichem Bumms dahinter. Aber bis dahin glimmt er locker und angenehm in der Pfeife und hinterlässt im Raum diesen von allen geliebten, altehrwürdigen Amtsstubensnölk, der zu Großvaters Zeiten auf allen Ämtern zu finden war.

Mittwoch, 27. November 2013

DTM - Shannon Mellow Flake

Man muss wahrscheinlich schon ein Tabakmeister sein, ein überdurchschnittliches Begleitwissen über die Göttlichkeit des Krautes haben oder eine blühende Fantasie besitzen, wenn man darstellen möchte, warum und wieso die Tabake aus der Serie „Treasures of Ireland“ ein „tribute to Irish tobacco blending tradition“ sind. Nun ja, „Limerick“, „Galway“, „Donegal“, „Killarney“ und „Shannon“ sind Städte und Ortschaften in einem höchst interessanten Land mit malerischen und zugleich schroffen, sowie rauen Landschaften. Und mit dem „Shamrock“ als dreiblättriges Kleeblatt, einer Beigabe des heiligen St. Patrick, setzt DTM namenstechnisch der gesamten Serie die Haube auf.



Als ich vor etlichen Jahren zum ersten Mal in den heiligen Geschäftsräumen der Firma in Lauenburg weilte, forderte ich am Verkaufstresen einen galanten und fruchtigen Tabak. Mit dem Hinweis, dass sich dieses Döschen recht großer Beliebtheit erfreut, überreichte mir der nette Angestellte den „Shannon“. Das war ein ready rubbed-Tabak mit vereinzelten Flakestückchen. Durchaus duftig und beerig roch es aus der Dose, im Geschmack leicht bis mittelstark, ziemlich einfach runter zu rauchen mit einem fruchtigen Aroma und einer sehr anständigen Raumnote. Aber: Es folgte die Zeit, in der ich mich vom aromatischen Rauchkraut immer weiter entfernte. Ich glaube, ausschlaggebend dafür war eine Füllung von einem Bellini, der mich ziemlich hastig zur Noträumung veranlasste und auch den „Shannon“ aus meinem Repertoire strich und mit in den Abgrund zog, obwohl dieser es eigentlich gar nicht verdient hatte.

Jahre später, also jetzt, bietet uns DTM den „Shannon Mellow Flake“ an. Selbiger Tabak, so der Hersteller. Einzig, Michael Apitz, der norddeutsche Lausbub in Sachen Aroma, hilft der Mischung nochmals auf die Sprünge, in dem er sie presst. Heraus kommt der Virginia/Burley/Black Cavendish in lockerer Flakeform. Genau so weich, genau so „dunkelfruchtig“, nur etwas mehr verdichtet, um den Katalog zu zitieren.


Jetzt könnte es natürlich passieren, dass der eine oder andere Interessent davon ablässt, weil er sich mit einem Flake einfach nicht anfreunden kann und/oder will. Diese Sorge ist unbegründet, denn schon beim ersten Stopfen landet die Portion zerbröselt auf den Knien, ohne dass man etwas dafür kann. Das, was zu retten ist, füllt man locker in den Pfeifenkopf, drückt ein wenig an und entzündet das Rauchopfer mit max. einem oder zwei Zündhölzern. Mir ist, als wenn das Fruchtaroma während der ersten Hälfte der Rauchdauer etwas sanfter, ausgewogener und lieblicher ist, im Fortgang zeigt der „Shannon“ durchaus auch einen Hauch von natürlichem Tabakgeschmack. Aufmerksamkeit erfordert er vom Bediener des Rauchinstrumentes auf alle Fälle, ansonsten kann es heiß in der Hand werden. Die Raumnote ist immer noch mitbewohnerfreundlich. Es gibt also von mir nichts zu mäkeln. Einzig, aber das ist mein eigenes Problem: Ich mag Fruchtaromen immer noch nicht besonders gerne. Daran ändert auch Michael Apitz mit seiner Tabakpresse nichts!

Sonntag, 17. November 2013

Timm (DTM) - Planter's Punch

Irgendwer muss irgendwann den „Planter's Punch“ aus Timms „West Indian Cocktails“-Serie zum Klassiker erklärt haben. Deshalb die Auferstehung dieser aromatischen Mixture im Jahr 2012 im Hause Dan Pipe, nach dem Michael Apitz noch einmal Hand angelegt hat. Mit diesem Hinweis informiert uns sowohl der Katalog, als auch die Website im Netz.

Die Dose ist außergewöhnlich geschmackvoll, sie macht einen sehr hochwertigen Eindruck. Innen drin ruht ordentlich verschweißt die 100 g-Packung. Eine Mixture aus hellem Virginia, etwas Burley und schwarzem Black Cavendish. Es riecht fruchtig, eher wie Tee, als nach Alkohol. DTM macht darauf aufmerksam, dass hier echter Jamaica Rum beigemengt wurde (ob das stimmt??), dazu Essenzen von reifen Früchten. Ein sehr angenehmer Duft.


Nach dem Entzünden spürt man ein deutliches, sehr wohl dosiertes Aroma auf der Zunge, den Rum kann man sich vorstellen. Noch deutlicher schmeckt es nach Pfirsich und süßen Feigen, wobei die Auswahl der feststellbaren Früchte der persönlichen Fantasie entsprechen dürfte. Deutlich ist eine nussige Note, die vom Burley stammen könnte. Das Ganze raucht sich problemlos runter, der Tabak macht einen leichten Eindruck, das hochwertige Aroma hält fast bis zum Ende durch. Letzteres ist man ja bei DTM gewohnt. Im Raum macht sich eine sehr angenehme Note breit.

 
Im Ergebnis bin ich jetzt eigentlich auf die beiden anderen Tabake der „West Indian Cocktails“-Serie neugierig. Denn das hier ist ein bemerkenswerter Aromat, der zum Naschen ausgezeichnet geeignet ist.

Dienstag, 12. November 2013

René Lehmann wäre heute 50 Jahre alt geworden...

Ich will heute nicht viel Worte machen.... am heutigen Tag wäre unser gemeinsamer Pfeifenfreund René 50 Jahre alt geworden. Leider konnte er diesen großen Ehrentag nicht mehr erleben.


Diese "Nautilus"-Pfeife wolltest Du von Maike Paeßens. Sie hat sie gefertigt und ich habe sie in meine Obhut genommen.


Montag, 11. November 2013

G.L. Pease - Laurel Heights

Der stinkt schon aus der Dose... etwas süßlich, dahinter verbirgt sich etwas modriges und ledriges; die Summe ergibt einen Geruch aus der Dose, den ich kaum beschreiben kann. Dabei ist die Zusammensetzung dieses lockeren Schnittbildes auf Anhieb nicht spektakulär. Feinste Virginias, wie man sie in der „Fog City Selection“ von G.L. Pease oft findet (s. auch „Union Square“) und eine Spur von Latakia. Es könnten Öle sein, die man in der Dose erschnuppert und die auch im Raum beim Verkosten einen Duft hinterlassen, als wenn ein Puma hinter die Heizung geschifft hat.


Der „Laurel Heights“ ist einer von den Tabaken, der mir direkt nach dem Öffnen positiv auffällt, weil er sich in einer exakt richtigen Konsistenz zum sofortigen Verkosten befindet. Darüber hinaus ist er so was von leicht zu stopfen, so dass man schon aus diesem Grunde nicht von ihm lassen mag. Der Tabak schmeckt durch, ist mittelstark. Er ist dezent süß und daneben schwingen immer ein kleines bisschen Würze und Rauchigkeit mit. Diese Kombination in diesem Mischungsverhältnis macht auch mir, der nicht unbedingt zu den Latakia-Freunden gehört, richtig Spaß.

 
Ein Genuss, der mal wieder beweist, dass der Latakia in relativ geringen Dosen ein fulminanter Würztabak sein kann. Ich weiß, die englischen Kumpels mögen das Zeug lieber mit der Bauschaufel verabreicht, mir als Virginia-Liebhaber ist es genau so recht. Allerdings: Rauchen kann einsam machen. Denn die Raumnote hat es in sich. Meine Frau macht die Tür zu, und zwar von außen. Egal, ich möchte Pfeife rauchen und nicht quatschen... zumindest diese Füllung, so lange, bis nichts außer dunkelgraue Asche zurück bleibt.

Mittwoch, 6. November 2013

Der letzte ROSALIE-Gig ist gespielt...

Der letzte ROSALIE-Gig ist gespielt und es war für uns ein super Abschluss-Konzert. So, wie wir es uns erhofft hatten! Wir bedanken uns für fünf geile Jahre, mit tollen Konzerten und noch viel mehr netten Musikfreaks, die wir kennen lernen durften. Ein besonderer Dank gilt unseren Familien, Partnern und Angehörigen, ohne die die zahlreichen Ausflüge durch ganz Deutschland nicht möglich gewesen wären. Wir denken, dass wir die Musik von THIN LIZZY in Ehren halten konnten. Uns hat es unglaublich viel Spaß gemacht. Jetzt ist es allerdings für jeden von uns auch mal Zeit, etwas anderes zu machen. Lasst Euch überraschen. 
 
Da ein sog. "Reunion-Gig" inzwischen obligatorisch ist, bleibt unsere interne Band-Mailingliste bestehen. Und wer weiß, vielleicht fragt irgendwann einer von uns auf der Liste: Bock auf THIN LIZZY? Falls ja, dann ab in den Proberaum.
Bis dahin.... keep it LIZZY and the memory alive! 





 

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Cornell & Diehl - Pennington Gap

Irgendwo zwischen muffig und dezent alkoholisch riecht es, wenn man Cornell & Diehl's „Pennington Gap“ öffnet. Das dunkle Tabakbild setzt sich aus Burley, Black Cavendish und einem Schuss Perique zusammen. Woher die alkoholische Duftnote kommt? Der Tabak ist lt. Beschreibung mit einem „guten“ Bourbon aromatisiert. Nach meinen positiven Erfahrungen mit McClellands „Virginia 35 Ribbon“, mit Whisky-Noten, bin ich auf den „Pennington Gap“ mehr als gespannt.


Erste Ernüchterung: Zunächst ist der Tabak viel zu feucht. Er lässt sich zwar noch relativ problemlos in den Pfeifenkopf füllen, aber schon das Entzünden gestaltet sich problematisch. Es folgt also eine zweiwöchige Zwangspause, ohne das ich dieses Machwerk von Cornell & Diehl genießen kann.


 Ca. zwei Wochen später riecht es aus der Dose nicht mehr so muffig, alkoholisch bleibt es dennoch. Nun gut, das darf ein mit Bourbon-Aroma angepriesener Tabak auch. Die ersten Züge lassen das Aroma erkennen, klar ist aber auch, dass Süße hier nur eine untergeordnete Rolle spielt. Wenn sie denn überhaupt da ist. Ich tippe auf den Perique, der bei einem unachtsamen Ziehen sämtliche andere Tabaknuancen nieder drückt. Aus dieser Klammer heraus zukommen geht nur über äußerste Zurückhaltung. Dann wird es würzig und das Aroma schickt sich an, die Zunge sanft zu umschmeicheln.

Für mich persönlich hat Cornell & Diehl mit dem „Pennington Gap“ eine aromatische, mittelstarke Mischung erfunden, die zwar selten ist, aber deswegen wahrscheinlich auch nur eine begrenzte Zahl an wirklichen und dauerhaften Freunden finden dürfte. Dabei liegt es mir völlig fern, an der Qualität des Tabaks zu zweifeln, aber diese Mixture erweckt bei mir den Eindruck, dass das hinzu gegebene Bourbon-Aroma einen aussichtslosen Kampf führt. Gegen einen Burley, der entgegen der Beschreibung des Herstellers hier überhaupt nichts Nussiges mit bringt und einem Perique, der für meinen Geschmack irgendwie falsch akzentuiert wurde. Jemand, der sich gerne selbst froh redet, würde jetzt sagen, dass im „Pennington Gap“, trotz Aromas, noch echter Tabakgeschmack zu finden ist. Dem könnte ich, obwohl der Tabak nicht chemisch schmeckt, nicht zustimmen. Ich gestehe: Ich komme mit ihm nicht klar! Andere Pfeifenfreunde mögen das besser als ich können. Von Cornell & Diehl nehme ich mir lieber eine andere Mischung und den Bourbon trinke ich lieber.

Dienstag, 29. Oktober 2013

G.L. Pease - Cumberland

Der „Cumberland“ von G.L. Pease ist sicherlich ein Nischenprodukt aus der Rubrik „es darf durchaus mal etwas heftiger sein“. Das war mir spätestens klar, als ich diese Mischung als erste Pfeife des Tages geraucht habe. Der Reihe nach:

Nach dem Öffnen der Dose findet der geneigte Freund eine an sich völlig harmlos aussehende Virginia-Mischung in feinen Fasern vor. Ein bisschen aufgelockert wird das Bild von dunklen Fäden. Glaubt man der Beschreibung, wurde vom Mischmeister ein über 20 Jahre gereifter Kentucky beigemengt. Ein Schuss zusätzliche Würze lässt die Dreingabe von Perique erwarten. Im Geruch findet sich das erwartete Heu und eben auch eine Portion ordentliche Würze im Hintergrund.


Einfachstes Anzünden schickt den Pfeifenraucher dann auch gleich los. Und wenn man nicht aufpasst und zu schnell pafft, dann geht es auf eine überraschende Reise. Das Wort „überraschend“ kann hier ganz schnell negativ belegt sein. Soll heißen: Das Kraut ist recht stark, was wohl dem Kentucky geschuldet ist. Der belegt dann auch alles und lässt einer Süße der Virginias keine Chance. Hat man nichts vorher gegessen, kann es noch übler ausgehen. Die Problematik liegt zudem darin, dass diese Mischung wohl am besten ihre natürlichen Aromen preis gibt, wenn der Pfeifenkopf nicht zu klein ist. Ihr merkt, es kann zu einem Desaster werden, nämlich das recht schnelle Sättigungsgefühl und die etwas größere Füllung.




Also bleibt einem nur das übrig, was der „Cumberland“ unbedingt verlangt. Man muss ihn sehr sanft und zurückhaltend rauchen. Dann dauert die Füllung zwar recht lange bis sie sich dem Ende neigt, aber man erhält eine durchaus vielfältige Raucherfahrung. Dann drückt hin und wieder der Kentucky, aber auch die dezente Süße kann sich Freiraum schaffen und der Perique erledigt seine Aufgabe ebenfalls in einem brillanten Zusammenspiel.

Dies ist kein Tabak von der Stange. Nee, der sucht und hat sicherlich seine ganz eigenen Fans. Für mich ein Tabak für den Abend. Nach einem guten Abendessen und mit einem kostspieligen Dram. Da punktet der „Cumberland von G.L. Pease bei mir. Den Rest vom Tage lasse ich ihn aber in der Schublade.

Montag, 21. Oktober 2013

Newminster - Straight Virginia #701

Ein Pfeifenkumpel aus den USA schrieb mich vor geraumer Zeit an und teilte, als Liebhaber naturnaher Tabake, mir mit, dass er ganz aktuell ein relativ „neues“ Kraut im Kocher habe. Dieser dürfte mir bestimmt auch schmecken und so bot er mir eine zünftige Probe vom „Straight Virginia #701“ aus dem Hause Newminster an. Relativ schnell bewältigte der Tabak seinen Weg über den großen Teich zu mir nach Hause.


Die Geruchsprobe, süßlich, eher Weiß- als Schwarzbrot, machte mich noch neugieriger. Das Schnittbild mit seinen weichen Fasern forderte mich heraus, mir eine Pfeife mit einem recht großen Kopf zu nehmen. So mancher amerikanischer Tabak kommt mir schon mal zu feucht vor, dieser hier befand sich jedoch im absolut richtigen, rauchfertigen Zustand. 


Selten bekommt man die Gelegenheit, eine frisch gefüllte Pfeife so leicht, vor allen Dingen gleichmäßig, zu entzünden. Im Geschmack ist der Tabak in der Folge süß, etwas nussig. Sehr angenehm und sehr wohl meine bevorzugte Richtung. Allerdings, das soll nicht verschwiegen werden: Mit zunehmender Rauchdauer fehlt es mir ein wenig an Würze, so ein kleiner Kick, der den Tabak gegenüber anderen heraus hebt und so etwas Besonderes draus macht. Und er muss unbedingt langsam geraucht werden. Ansonsten wird er bissig, und das kann sehr unangenehm sein. Im Ergebnis ein mehr als brauchbarer Virginia, den ich gerne wieder rauchen würde. Wenn er denn bei uns erhältlich wäre.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Letztes Konzert: ROSALIE am 26.10.2013 in Bad Kreuznach!

Mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge, schreibe ich jetzt hier die Tatsache nieder, dass ROSALIE am kommenden Samstag, den 26.10.2013, im Musikkeller Dudelsack in Bad Kreuznach wohl das letzte Konzert spielen wird. Zufällig spielen wir diesen Gig zusammen mit CENTRAL PARK, die mich im Jahr 2006 mit ihrer damaligen Reunion überhaupt dazu bewegt haben, selbst wieder ein musikalisches Projekt in Angriff zu nehmen. 2008 war es dann so weit, als ich die Musiker für ROSALIE gefunden hatte und wir die ersten Probesessions spielten. Fünf Jahre sind jetzt allerdings auch genug. Wir haben wirklich viele Konzerte gegeben. Dabei hatten wir Spaß, wir haben unzählig nette und interessante Leute kennen gelernt, wir haben sehr viel Erfahrung gesammelt.


Wir haben versucht, der Musik von THIN LIZZY neues Leben einzuhauchen. Wir wollten die Fahne für Phil Lynott, einem begnadeten Songschreiber und Poeten aus Irland, hochhalten. Das ist uns an vielen Stellen in Deutschland gelungen. Aber wir haben auch festgestellt, dass das Thema THIN LIZZY äußerst schwierig sein kann, an den Mann zu bringen. Es gibt in Deutschland noch zahlreiche LIZZY-Freaks. Sie aber an einem Samstagabend von der heimischen Couch in den Konzertsaal zu bewegen steht auf einem ganz anderen Blatt Papier. 

Viele Veranstalter tun ihr Übriges. Sie setzen ausschließlich auf Altbewährtes. Man müsste annehmen, dass die 98. AC/DC- oder 105. DEEP PURPLE-Show irgendwann den Leuten aus den Ohren raus kommt. Dem scheint nicht so zu sein. Überall findet man ein und dasselbe Programm. Noch dazu denke ich, dass der Tribute-Hype sich dem Ende nähert, deswegen ist es an der Zeit, mal etwas anderes zu machen.

Es gibt darüber hinaus immer weniger Veranstalter, die Wert auf ein abwechslungsreiches Programm legen. Ich habe zahlreiche Anekdoten erlebt, die den Schluss zulassen, dass es wichtiger ist, dass eine Gruppe Grölender bei qualitativ schlechter Mucke die Theke leer säuft, als das qualitativ und dauerhaft Abwechslung geboten wird. Am Ende laufen die Veranstaltungen nicht mehr. Wer einmal 7 EURO für eine unbekannte „Bierkistenband“ gezahlt hat, kommt nie wieder!

Unsere Konzerte dauerten für gewöhnlich fast drei Stunden. Es ist ein unheimlicher Kraftakt, das umfangreiche Programm als Hobbymusiker stets abrufbar zu haben. Dazu sind viele Stunden im Proberaum erforderlich. Und ja, inzwischen kommt auch mir THIN LIZZY aus den Ohren raus. Auch ich habe jetzt ein Motivationsproblem. Wenn der betriebene Aufwand in keinem Verhältnis zur Resonanz steht, dann muss man auch in der Lage sein, eine Idee am Ende zu begraben. Es ist ein Hobby, mehr nicht, also nicht lebensnotwendig. Was hängen bleibt, sind die vielen Stunden, in denen ich mit tollen Musikern die Greatest Hits von THIN LIZZY gespielt habe. Für mich war ROSALIE ein Lebenselixier, ein Projekt, was mir unheimlich viel Kraft und Energie abgefordert hat. Und ich denke, dass der 26.10.2013 in unserer Heimatstadt der geeignete Ort ist, um einen Schlusspunkt zu setzen. Ich bin "ROSALIE-müde"!

An dieser Stelle erlaube ich mir schon jetzt den Hinweis, dass ich dennoch weitere musikalische Ziele habe und ich dafür bereits den Grundstein gelegt habe. Ähnlich wie bei ROSALIE werde ich hier in diesem Blog zukünftig darüber berichten. Für mich bricht eine neue, wichtige musikalische Ära an, die mir sicherlich wieder einiges abverlangen wird. Aber ich habe in den letzten Monaten ein Konzept gestrickt, sozusagen einen roten Faden, an dem es sich entlang zu hangeln gilt. Bis zum Jahresende werde allerdings auch ich mir den Luxus gönnen und in Sachen eigener Musik gar nichts machen. Runter fahren, Bücher lesen, entspannt Musik hören, Pfeife rauchen und den einen oder anderen Dram genießen. Weiter geht es dann mit Volldampf im kommenden Jahr 2014. Ich hoffe, am nächsten Samstag noch mal den einen oder anderen „Fan“ anlässlich unserer Show in Bad Kreuznach zu treffen. Keep it LIZZY and the memory alive...

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Agatha Christie - Und dann gabs keines mehr

Ein Klassiker, ohne Frage, von der Mutter aller Krimis. Für meine Generation ist Agatha Christie sicherlich diejenige, die uns den Krimi in Wort und Schrift frühzeitig dargeboten hat. Und wenn nicht als Buch, dann spätestens in einem der zahlreichen und erfolgreichen Verfilmungen. Wer kennt ihn nicht, den Kinderreim von Frank Green aus dem Jahr 1869? „Zehn kleine Negerlein“ ist einer von den Titeln, der mich in meinem Leben weder rassistisch gemacht hat, noch hat er rechtsextremes Gedankengut in mir hervorgerufen. Der „political correctness“ wegen heißt dieses Buch seit dem Jahr 1985 „Und dann gabs keines mehr“.


In dieser Taschenbuchausgabe des 1939 erstmals erschienenen Romans gibt es zu Beginn eine Anmerkung des Verlages, in dem dieser bedauert, dass sowohl die Begriffe „Nigger Island“ als auch im Text „Zehn kleine Negerlein“ verwendet werden, da das Buch ansonsten vollkommen unverständlich wäre. So weit so gut. Anschließend darf der Leser dem Schicksal von zehn vollkommen unterschiedlichen Menschen beiwohnen, die alle von einem Unbekannten eine Einladung auf eine Insel bekommen haben. Das einzig Gemeinsame: Sie alle waren in irgendeiner Form in bisher ungeklärte Todesfälle verstrickt. Wie im Reim beschrieben, wird ein Mitglied nach dem anderen aus der Personengruppe ermordet, und nachdem die Absuche auf der Insel ergibt, dass sich keine weitere Person auf der Insel befindet, ist klar, dass der Mörder einer von ihnen sein muss. Was jetzt folgt ist ein gesundes Misstrauen untereinander, aber auch ein Sammeln von Indizien und handfesten Beweismitteln, die Rückschlüsse auf den Täter oder die Täterin zulassen.

Wer war es? Das ist die Frage, die den Leser ganz bis zum Schluss begleitet. Bis sich ein genialer Plot erschließt und man das Buch trotz allem mit einem Schmunzeln bei Seite legt. So intelligent können Plots sein, dazu der Zeit angepasst recht einfach erzählt, in einer gelungenen Übersetzung von Sabine Deitmer. Ohne großes Brimborium, schnell auf den Punkt, und doch spannend, geheimnisvoll, den Buchfreak bindend. Ein uralter Krimi, der das Thema „Selbstjustiz“ auf herrliche Art und Weise kritisch in den Mittelpunkt rückt. Hier wird vielleicht das vollzogen, was die ordentliche Justiz hätte erledigen müssen.



ISBN-10: 359617404X
ISBN-13: 978-3596174041
224 Seiten
erschienen erstmals am 06.11.1939
Fischer Taschenbuch

Dienstag, 15. Oktober 2013

Arno Geiger - Der alte König in seinem Exil

Es stand schon lange fest, dass ich die Geschichte des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger und seinem Vater August, der im Alter an Demenz erkrankt ist, lesen wollte. Und ich habe es nicht bereut. Was das Buch allerdings so lange auf der Spiegel-Bestsellerliste „Belletristik“ zu suchen hat, wird ein Geheimnis bleiben, denn es handelt sich ohne Frage um ein Sachbuch, eine Autobiografie.

Das Arno Geiger einen tollen Schreibstil pflegt, war mir seit „Alles über Sally“ klar. In „Der alte König in seinem Exil“ kommt noch ein kleiner Schuss an Emotion hinzu, berichtet der Autor aus seinem intimen Familienleben. Der Vater, der 26 Jahre im Gemeindeamt Wolfurt, Vorarlberg in Österreich, gearbeitet hat, kennt sich plötzlich im eigenen Haus, welches er vor 50 Jahren selbst geschaffen hat, nicht mehr aus. Die Ursache: Alzheimer Krankheit. Wir werden Zeuge, wie sich das Verhalten von August Geiger in über 10 Jahren andauernder Krankheit verändert und vor allen Dingen erfahren wir, welche enormen Auswirkungen diese auf das persönliche Umfeld, hier in erster Linie die Familie, hat. 


Arno Geiger beschreibt rückblickend und detailliert, wie er sich im Zuge des Erwachsenwerdens immer mehr von seinem Vater entfernte, und bedingt durch die Krankheit eine neue Freundschaft zu ihm schloss. Hochs und Tiefs bestimmen die lange währende Krankheit, doch das Wesentliche, was man aus diesem Tatsachenbericht ziehen kann, ist die Erkenntnis, dass der Umgang mit einem an Demenz erkrankten Menschen den Verstand schärft, und das Einfühlungsvermögen sowie Phantasie gefordert sind. Wer die Betreuung erfolgreich absolviert, der wird nicht zu Unrecht von Felix Hartlaub als ein „staatlich geprüfter Seiltänzer“ bezeichnet (Zitat s. S. 119). Der Vater lebt in seinem Exil, das heißt in seiner eigenen ungeordneten Welt, am liebsten an einem Ort, an dem er sich geborgen fühlt. In schwierigen Dialogen mit dem Erkrankten muss man sich daran erinnern, dass hier nicht mehr der Mensch, den man kennt, sondern die Krankheit mit einem spricht. Und genau dies führt sehr oft dazu, dass Betreuende schnell an ihre Belastungsgrenze geraten.

Insbesondere die aufgezeichneten Konversationen bringen ein bisschen Komik mit sich. Die Antwort hierfür liefert Arno Geiger auf S. 103 selbst. Wenn die Schwester die Zeilen des Skriptes liest, muss sie schmunzeln, merkt aber im selben Moment an, dass die Wirklichkeit ein Horror ist. Und noch eine mögliche Antwort liefert Arno Geiger in Bezug auf eine Entscheidung, die leider viele Angehörige früher oder später treffen müssen: Wenn eine Betreuung auf einem notwendigen Niveau nicht mehr möglich ist, und man die Entscheidung treffen muss, den Patienten in ein Pflegeheim zu geben, dann kann das einer persönlichen Niederlage gleichen. Und schließlich: Es ist die Aufgabe der Eltern, den eigenen Kindern etwas beizubringen. Das Letzte, was sie einem zeigen, ist, wie es ist, wenn man alt und krank ist.

Der alte König in seinem Exil“ ist sicherlich berührend, interessant sowieso, aber es ist auch eine Art Lehrstück für unsere immer schneller, und daher auch oberflächlicher werdende Gesellschaft. Demenz ist bis dato nicht heilbar, sondern bleibt bis auf weiteres eine schwere Belastung. Als Quintessenz aus diesem Buch ist die Demenz aber auch eine Verpflichtung, sich daran zu erinnern, wem man viel zu verdanken hat. Ein trauriger, aber auch wichtiger Abschnitt aus einer Vater-Sohn-Beziehung!


ISBN-10: 9783446236349
ISBN-13: 978-3446236349
189 Seiten
erschienen am 07. Februar 2011
Carl Hanser Verlag GmbH
 P.S.: Am 29. April 2011 verstarb mein Patenonkel, der an schwerer Altersdemenz erkrankt war. Ruhe in Frieden!

Montag, 14. Oktober 2013

Tim von Lindenau - Die andere Seite des Waldes

Wir leben in einer der waldreichsten Gegenden. Für den Naturliebhaber ist das ein Segen, der Einfluss, den der Wald auf Flora und Fauna in unseren Gefilden ausübt von großer Bedeutung und Wichtigkeit. Dieses Buch verweist auf „Mythen und Märchen von Wesen, die unscheinbar und zurückgezogen an Orten wohnen, wo sie ungestört in Frieden und Ruhe leben können“. Wer sich im Wald befindet und auf Wasser stößt, der sollte verinnerlichen , dass Wasser ein „wichtiger Quell für alles Werden“ ist.  Und wer es genau wissen will, der bewegt sich auf allen Vieren über den Boden und findet den „Wald im Wald“. „Die andere Seite des Waldes“ hilft zu verstehen, welch großer Schatz bei uns um die Ecke zu finden ist und kapiert, wie wichtig es ist, den Wald zu schützen und mit Respekt zu behandeln.


Der Autor Tim von Lindenau schildert seine Erlebnisse, als er neun Monate am Stück im Schwarzwald gelebt hat. Über die Nahrung, die sich im Wald findet, über das Verhalten der Tiere, wenn der Mensch im Laufe der Zeit den Geruch des Waschmittels abgestreift und den des Waldes annimmt. Über die Ruhe und die Kraft, die der Flecken Erde ausstrahlen und auf den vom Alltag gestressten Menschen übertragen kann. Hier wird eine Sichtweise vermittelt, die vielen oberflächlichen, vom Konsum gesteuerten Menschen abhanden gekommen ist. Die Natur ist ein hohes Gut, der man allerhöchste Priorität einräumen sollte. Ein unüberwindbarer Riese, der uns die Leviten lesen kann und auch wird, sollten wir diesen Respekt verlieren.

Die 105 Seiten dieses großartigen Buches lesen sich in einem Stück durch, und am Ende lehnt man sich zurück und weiß, dass man soeben Zeuge eines an sich unspektakulären, aber großartigen Abenteuers wurde. Ein Tatsachenbericht, mit beeindruckenden Bildern unterstrichen, der uns klar macht, dass in unmittelbarer Nachbarschaft ein kaum an Spannung überbietendes Naturereignis tagtäglich stattfindet. Und zwar immer, zu jeder Zeit, in der Nacht ganz besonders. Nirgends kann man dem Alltag entfliehen, nur der Wald bietet genau das, was sich so viele Menschen wünschen. Das scheint mir die wichtigste Aussage dieses kurzweiligen Berichtes zu sein.


ISBN-10: 9783890602707
ISBN-13: 978-3890602707
Erschienen im März 2008
105 Seiten
Neue Erde GmbH


Samstag, 12. Oktober 2013

Wieder mehr "independent bookstores" auch bei uns...?


Neulich habe ich in einem Feuilleton einen interessanten Bericht über die Renaissance der kleinen und unabhängigen Buchläden in den USA gelesen. Als Beispiel fungierte der Buchladen „Bank Square Book“ aus Mystic im Staat Connecticut. Diese Buchhandlung war im vergangenen Herbst vom Wirbelsturm Sandy fast vollständig „weggefegt“ worden. Ca. 40.000 Bücher waren in Folge von eindringendem Wasser durch Türen und Wände so gut wie unverkäuflich, was im Grunde genommen den Ruin der Besitzer bedeutete. Über Facebook folgten Bücherfreunde aus der Umgebung einem Hilferuf der Ladenbesitzer und schleppten Verkaufsexemplare in eine leer stehende Wohnung und in ein Möbellager, weitere Kisten mit Büchern wurden in privaten Garagen gestapelt. Nachdem der Laden über drei Wochen geschlossen blieb und somit auch kein einziges Buch verkauft werden konnte, waren die Besitzer nicht mehr in der Lage, die Angestellten zu bezahlen. Es drohte der Exitus. Daraufhin wurden 8.000 Dollar für eine Restaurierung des Ladengeschäftes gespendet und in den Wochen vor Weihnachten kauften Lokalpatrioten massenhaft Bücher. Und das alles, weil es für die Bürgerinnen und Bürger von Mystic undenkbar erschien, dass es vor Ort keinen kleinen, gemütlichen und persönlichen Buchladen mehr geben sollte.

Dieser Fall ist laut Bericht in den USA keine Ausnahme. Die Menschen dort wollen ihre unabhängigen Buchläden, die „independent bookstores“, wieder zurück. Das macht mir Hoffnung. Denn hier in Deutschland benötigt man keinen Wirbelsturm, um ohne kleine, gut sortierte Buchläden mit kompetenten Personal leben zu müssen. Hierzulande siegt nach wie vor die Bequemlichkeit des Kunden, mit seinem fetten Gesäß am Rechner seine Bestellung bei Unternehmen, wie beispielsweise Amazon, aufzugeben. Den Rest erledigen in den Fußgängerzonen die Branchenriesen Hugendubel und Thalia. Die Auswahl ist groß, die Beratung und die Atmosphäre sind eher schlecht. Das ändert sich hoffentlich auch bei uns wieder. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, denn für gewöhnlich ereilen uns die meisten Trends aus den USA mit zeitlichem Verzug (zumeist die Schlechten). So könnte endlich wieder etwas mehr Flair die deutschen Fußgängerzonen bestimmen, welches dafür sorgt, dass die Bücherfreaks wieder ihre Hüften in Bewegung setzen. Und ganz nebenbei: Die ersten Zeilen des erstandenen Druckwerkes könnte man zudem in einem netten Café genießen oder im Sommer bei einem kühlen Drink auf der Freischankfläche eines Bistros. Dann kurbeln Leseratten noch mehr die Wirtschaft an und machen einen Ausflug in die Innenstadt wieder abwechslungsreicher, bunter und somit lohnenswert. Und sie selbst profitieren auch davon... Ein schönes Lebensgefühl. Glaubt es mir!

Freitag, 11. Oktober 2013

Jonathan Franzen - Freiheit

 

Der Roman „Freiheit“ von Jonathan Franzen ist vielleicht DER amerikanische Gesellschaftsroman schlechthin. Und nach „Die Korrekturen“ dürfte der Autor spätestens jetzt neben Philip Roth zu einem der bedeutendsten US-Gegenwartsautoren avanciert sein. Eine Familie aus der amerikanischen Mittelschicht steht im Mittelpunkt dieses 30-jährigen Epos, in dem es nicht nur um Freiheit, sondern ganz besonders auch um Moral geht. 

Patty, in jungen Jahren eine ambitionierte Basketballspielerin, heiratet Walter Berglund eigentlich nur, weil sich dieser als Einziger wirklich um sie kümmert. In Wahrheit steht sie auf Walters besten Freund Richard, einen Rockmusiker. Walter und Patty haben zwei Kinder. Joey und Jessica,  und wohnen zu Beginn dieses Buches in einem netten Häuschen in St. Paul. Politisch ist die Familie bei den Demokraten angesiedelt, nicht zuletzt auch, weil Pattys Mom eine Berufsdemokratin ist. Da mutet es schon seltsam an, als der ungehobelte, rotzfreche Nachbar mit einem Pickup vorfährt, auf dessen Stoßstange die Worte „Ich bin weiß und ich gehe wählen“ zu lesen sind.


Als das Ehepaar ohne ihre Kinder (den Auszug des Sohnes hat Patty übrigens nie verkraftet) nach Washington zieht, befindet sich Joey längst mitten in seinem Studium und hat sich in seiner Sichtweise den Republikanern zugewandt. Tochter Jessica spielt in diesem Roman eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr handelt es sich bei dem vierten Protagonisten um Richard, dem Draufgänger und Musiker, mit dem Patty zwischenzeitlich eine kurze Affäre hatte. Walter nimmt einen etwas seltsamen Job im Bereich des Umweltschutzes an. Es geht um den Schutz eines Singvogels, dem Pappelwaldsänger. Es soll neuer Lebensraum geschaffen werden, auch wenn der anderweitige Umweltschutz darunter enorm leidet. Mit Geld ist eben alles möglich.

Klingt alles unspektakulär? Ist es ganz und gar nicht, denn man lernt hier eine Menge über den verbliebenen amerikanischen Traum. Ein Blick hinter die Kulissen, was in der neuen Welt wirklich abgeht und wie sie funktioniert und droht, zu zerbrechen.

Bis zu Nachbarschaftskriegen unter Hauseigentümern, die sich ihre Hütten allesamt mit günstigsten Krediten finanziert haben und die sie, wie wir alle inzwischen wissen, bald nicht mehr bedienen können, von Katzenliebhabern, denen es vollkommen egal ist, ob diese Vögel killen, das gehört eben zur Freiheit, von dem Griff nach dem Öl, als „Enduring Freedom“ nach außen und innen etikettiert, von emotionalen Gedanken bezüglich des 11. September, die im Zuge der Berichterstattung bei in sicherem Abstand befindlichen Menschen eher Unbehagen als Anteilnahme auslösen, von Versäumnissen und Missverständnissen untereinander…  von all dem handelt dieses Buch, und noch viel mehr.

Freiheit“ ist beeindruckend und eines der wichtigsten Bücher, welches ich in jüngster Vergangenheit gelesen habe. Weltliteratur! Nach über 700 Seiten stellt sich mir die Frage: Wer schreibt DEN entscheidenden Gesellschaftsroman über uns Deutsche, und vor allen Dingen wann wird er geschrieben?

ISBN-10: 349802129X
ISBN-13: 978-3498021290
erschienen am 08.09.2010
736 Seiten
Rowohlt Verlag


Donnerstag, 10. Oktober 2013

Robert Loius Stevenson - Die Schatzinsel


Ich glaube, dass der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson einer der unterschätztesten Autoren ist. Nein, besser „war“, denn anders ist es nicht zu erklären, dass es Zeiten gab, in denen man den Mann fast vollkommen aus der Literatur ausblendete. Ich gehöre zu denen, die möglichweise niemals so richtig erwachsen werden und deshalb schäme ich mich auch nicht, wenn ich hin und wieder etwas in Nostalgie schwärmen möchte und, nach dem ich mich an meine eigene Kindheit erinnert habe, zu einem alten Roman greife.

Und da ist natürlich „Die Schatzinsel“ präsent, nicht nur wegen der schönen TV-Verfilmung aus dem Jahr 1966, die allerdings viel mehr auf die filmischen Charaktere wert gelegt hat, als dass das England im viktorianischen Zeitalter eine wesentliche Rolle spielte. Aber genau Letzteres ist es, was dieses Buch gar nicht so unwesentlich macht. Weitestgehend aus der Ich-Perspektive erzählt uns der junge Jim Hawkins sein Abenteuer, als er im Zuge der Geschehnisse um die Schänke seiner Eltern, dem „Admiral Benbow“, in ein Abenteuer auf der Südsee und auf einer unbekannten Insel gerät. Die Fahrt auf der Hispaniola, befehligt vom sauberen und linientreuen Kapitän Smollett, mit dem einbeinigen Koch John Silver, der zu einem der Hauptprotagonisten avanciert und dem gescheiten, Pfeife rauchenden Dr. Livesey.
 
Stevenson und seine Reiseberichte sind lesenswert, hier hat er neben einer amüsanten auch eine durchaus spannende Story geschrieben. Dabei vermag er den Leser in eine Inselwelt eintauchen zu lassen, so, als wäre man selbst mit dabei. Das sind nicht nur die TV-Bilder, die sich da von der Kopfplatte ins Gedächtnis rufen. Oh, Du wunderschönes Korsika. Stevenson stellt die raue Schar überzeugend da, rüpelhaft, versoffen immer nach Rum gierend, prügelnd und messerstechend. Und dennoch befällt einen ein Hauch von Charme, der von der Meute ausgeht. Sah so die Seeräuberwelt wirklich aus? Als ganze Scharen noch Angst vor dem legendären Kapitän Flint hatten? Und auf der anderen Seite können und sollen wir uns mit der vielleicht damals so typischen und feineren englischen Gesellschaft auseinandersetzen.
 
Der Schreibstil mag im Grunde genommen noch so einfach sein, Stevenson schrieb diesen Roman bereits im Jahr 1883. Karl Lerbs lieferte hier im Jahr 1974 eine immer noch sehr gute Übersetzung, für einen oftmals unterschätzten, aber wunderschönen Abenteuerroman, der sich für Jugendliche als auch Erwachsene eignet, ja eigentlich schon aufdrängt. Darüber hinaus ist das ein Klassiker.


SBN-10: 9783458317654
ISBN-13: 978-3458317654
erschienen am 01.07.1974
291 Seiten
Insel Taschenbuch Verlag

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Herta Müller - Atemschaukel


Wenn der Nobelpreis für Literatur vergeben wird, dann bin ich immer skeptisch. Zwar sind die Kriterien für die Vergabe in etwa definiert, aber trotzdem erschließen sich mir die entscheidenden Aspekte zur Vergabe nur selten. Wenn eine deutsche Schriftstellerin diesen Preis bekommt (2009), werde ich neugierig und in diesem Fall war das Buch für mich ein persönlicher Gewinn. Herta Müller stammt ursprünglich aus Rumänien und sie hat ein wichtiges Thema aufgegriffen. Nüchtern betrachtet lautet es wie folgt:

Ich: Leopold Auberg, 17 Jahre alt, schwul und komme aus Hermannstadt. 
Lagername: Nowo-Gorlowka 
Bataillon: Nr. 1009
Arbeitsnummer: 756
Mein Problem: Hunger, Atemschaukel

Dieses Buch, mit sprachlicher Gewalt, erinnert daran, dass es im Jahr 1945 eine groß angelegte und systematische Deportation von Rumäniendeutschen in russische Arbeitslager gab. Alle im Alter von 17 bis 45 Jahren sollten in Arbeitslagern untergebracht werden und die Zerstörungen in der damaligen Sowjetunion wieder aufbauen. Und selbst, wenn man früh weiß, dass Leo Auberg die Strapazen überlebt, bangt man von Anfang bis Ende mit ihm. In den Kapiteln erinnert sich der Protagonist seiner selbst und zahlreicher Mitinsassen. Dabei stellt er auf ergreifende Art und Weise Schicksale dar. Im Lager stirbt man im Winter an der Kälte und im Sommer an den Epidemien. Doch das Schlimmste, was einem passieren kann, ist wohl der Hunger. Atemschaukel, das ist Hunger. Einzige wirkliche Nahrung: Die Erinnerung an Sätze wie die der Großmutter „Ich weiß, Du kommst wieder“.

Wenn jemand trotz Unterernährung arbeiten will (muss), weil es ihn friert, dann zeigt dies das ungeahnte Ausmaß an Leid, welches die Menschen ertragen mussten. Dass man daraus lernt, ist klar. Dieser Roman beinhaltet Aussagen, die mit unbeschreiblicher Wucht daher kommen. Wenn ein Mensch in Not ist ums Überleben kämpft, dann wird es soweit kommen, dass man dem jeweiligen Mitleidenden nichts mehr abgibt, weil es für diesen keinen Sinn mehr macht. Zumeist sind es Menschen, die auf Grund des Hungers unmittelbar vor dem Sterben stehen. Es sind nur noch Kreaturen, die ein Stück Holz mit einem Stück Brot verwechseln. Wenn man die Kleidung eines Toten benötigt, wenn man ein aufgespartes Stück Brot eines Toten nimmt, dann ist der Tod sogar ein Gewinn! Wobei diese Betrachtungsweise einseitig ist. 

Der Roman „Atemschaukel“ beschreibt den Kampf des Einzelnen, nicht den Zusammenhalt im Lager. Es ist die Hoffnung, selbst nicht der/die nächste zu sein. So relevant der Sachverhalt ist, so überzeugend ist die verwendete Sprache der Autorin. Mit jeder gelesenen Seite wird dem Leser klar, dass hier die ganz große Schule verabreicht wird. Weltliteratur, für uns Deutsche sowieso! Ein Buch, welches Herta Müller ursprünglich mit Oskar Pastior gemeinsam schreiben wollte, der leider vor der Fertigstellung verstarb. Die Geschichte beruht auf Teilen von Erinnerungen des Lyrikers Pastior.



ISBN-10: 3446233911
ISBN-13: 978-3446233911
304 Seiten
erschienen am 17. August 2009
Carl Hanser Verlag GmbH


Sonntag, 6. Oktober 2013

Friedrich Ani - Süden

Friedrich Ani, 1959 in Kochel/See geboren, ist ein Krimiautor, der die Großstadt liebt. So gesehen passt die von ihm erfundene Romanfigur Tabor Süden ins Leben. Tabor Süden, der in Taging aufgewachsen ist, sein Abitur gerade so geschafft hat und der, um dem Wehrdienst zu entfliehen, zur Polizei ging. Nach seiner Streifenzeit landete der Protagonist zunächst bei der Münchener Mordkommission, bevor er schließlich beim Kommissariat für Vermisstenfälle seinen Dienst versah. Das Wort „schließlich“ ist im Fall des neuen Romans von Friedrich Ani wörtlich zu nehmen, denn zum einen dauerte es sieben Jahre, bis es einen neuen Süden-Fall gab, zum anderen hatte sich die Hauptperson im Roman vor sieben Jahren freiwillig dem Dienst entsagt und war, man höre und staune, als gestandener Bayer in die Karnevalstadt Köln am Rhein gezogen. Und ganz ehrlich: Wenn sich ein bayerischer Kriminalbeamter freiwillig ins Preußenland begibt, dann ist es auch nicht absurd, dass sich ein gestandener Wirt aus einem geschichtsträchtigen Stadtteil der bayerischen Landeshauptstadt von einem Tag auf den anderen aus dem Staub macht, seine ratlose Frau zurück lässt und sich etliche, ehemalige Stammgäste nicht zusammen reimen können, warum und wieso der Inhaber der Gasträume plötzlich nicht mehr zugegen ist, geschweige denn, dass diese eine Vorstellung davon haben, wo sich der Gesuchte aufhalten könnte.

In Köln erhält Tabor Süden zwei Jahre nach dem Verschwinden von Raimund Zacherl einen seltsamen Anruf von seinem Vater, den er als Jugendlicher zuletzt gesehen und gesprochen hat. Denn bevor die beiden einen Treff- und Zeitpunkt verabreden können, ist die Leitung gekappt. Also begibt sich Süden in seine ehemalige Heimat, um seinen Vater im Großstadtdschungel zu finden. Und um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dockt er als Freischaffender bei einer Detektei an und wird mit dem Vermisstenfall konfrontiert, den die Polizei schon lange zu den Akten gelegt hat.


Ani beschreibt mit fesselnden Dialogen die Wesen der täglich wiederkehrenden Stammgäste, zeigt den Unterschied zwischen hoheitlichen Handeln und dem eines „privaten“ Dienstleistungsgewerbes auf, da Süden als „schlichter“ Detektiv über keinerlei staatliche Befugnisse mehr verfügt. Im Zuge der Ermittlungen trifft Süden auf eine überforderte, allein erziehende Mutter, während der Vater dem Alkohol zutiefst verbunden ist. In teils lyrischen Wort- und Satzgebilden liest sich dieser Roman leicht und verständlich, ein ums andere Mal bringt uns der Autor den bayerischen Dialekt näher, so wie es für sich einen anständigen München-Krimi gehört, und lässt uns am Gewohnsheitstratsch des bayerischen "Boatzen-Gängers" teilhaben. Man braucht keine Toten in einem Roman, um Spannung zu erzeugen, denn Ani zieht die Story gekonnt so auf, dass der Leser ohne jeglichen Gewaltorgien genussvoll von Seite zu Seite voran schreitet, um so das vermeintliche Schicksal des vermissten Raimund Zacherl zu erfahren. Einzig völlig aus der Realität heraus geggriffen ist die Tatsache, dass es kaum Menschen gibt, die tatsächlich von einem nächtlichen Spaziergang zum Zigarettenautomaten nicht wieder auftauchen. Das sind Mythen und nichts anderes. Tolles Buch!


ISBN-10: 3426199076
ISBN-13: 978-3426199077
368 Seiten
erschienen am 14. März 2011
Droemer Verlag

Philip Roth - Nemesis

Im Sommer 1944 plagt die Bürger von Newark im Staat New Jersey eine schier unerträgliche Hitze. Es sind Ferien, und diejenigen, die es sich leisten können, verbringen die Zeit an der See. Die anderen bleiben zu Hause. Eugene „Bucky“ Cantor“ ist ein junger Sportlehrer, der wegen seiner Sehschwäche nicht in den Krieg ziehen darf. Stattdessen beaufsichtigt er die spielenden Kinder und Jugendlichen auf dem heimischen Sportplatz im jüdischen Stadtteil Weequalic. In der Ferne, an der Front im Zweiten Weltkrieg, sterben Soldaten, und in Newark greift eine Polio-Epidemie um sich, die mit zunehmender Intensität die ersten Todesfälle in der Heimat fordert. Betroffen davon sind auch Jugendliche, über die „Bucky „Cantor die Aufsicht führt...


In diesem Buch beweist Philip Roth erneut, dass er zu den wichtigsten Gegenwartsautoren aus den USA gehört. Er zeichnet mit „Bucky“ Cantor einen Charakter, der die Grundlage für alle weiteren und wichtigen Aussagen in diesem Buch bildet. Aufgewachsen bei seinen Großeltern, weil die Mutter bei der Geburt verstarb und der Vater wegen Geldunterschlagung die Familie verlassen musste, entwickelt er ein regelgerechtes Pflichtbewusstsein. Er kommt aus recht ärmlichen Verhältnissen und träumt, wie viele andere Menschen auch, durch redliche Arbeit von einem eigenen Haus mit Garten. Der Autor zeigt allerdings auf, dass ein übertriebenes Pflichtbewusstsein einen Menschen durchaus schwächen kann. Ein Gewissen zu haben ist wunderbar, allerdings nur so lange es nicht dazu führt, dass man sich für etwas verantwortlich macht, was man keinesfalls zu verantworten hat.

Und es steht natürlich die Frage im Raum, auch von den Hinterbliebenen von Polio-Opfern, warum und wieso gerade dieser Junge oder dieses Mädchen, warum ausgerechnet unser Sohn oder unsere Tochter? Gibt es im Leben Gerechtigkeit? Wohl eher nicht, so deute ich Philip Roth‘ seine Antwort im Roman. Der Autor geht sogar noch einen Schritt weiter. Es geht um das persönliche Verhältnis zu Gott. Wie kann Gott es zulassen, dass so eine, damals noch unbezwingbare Krankheit über die Menschen herfällt und seine Opfer fordert? Ist die eigene Bildung von beinahe Hassgefühlen gegenüber Gott mit dem Gewissen noch vereinbar und ist es zulässig, Gott für das Unheil verantwortlich zu machen? Was „Bucky“ Cantor über weite Strecken in „Nemesis“ in seinem Umfeld erlebt und verarbeitet, weitet sich gegen Ende zu einer persönlichen Tragödie für den Protagonisten aus. Eine intelligente nochmalige Zusammenfassung der aufgezeigten Problematiken über persönliches Schicksal und den Fragen nach Gewissen, Gerechtigkeit und dem Verhältnis zu Gott. Hätte „Bucky“ Cantor wegen seines Verantwortungsbewusstseins anders handeln müssen?

Die Sprache von Roth ist in diesem Roman sanft und weich, und dennoch sehr eindringlich. Niemals überanstrengend und vollkommen strukturiert werden die Problemfelder aufgezeigt und auf beeindruckende Art und Weise in die Geschichte eingebunden. Die Polio mag in den zivilisierten Industriestaaten keine Rolle mehr spielen, der Weltkrieg ist längst beendet und die Spuren weitestgehend beseitigt, alles andere in diesem Roman ist aktueller denn je. In einer Welt, in der sich täglich Tragödien ereignen, Menschen dabei ums Leben kommen oder unerträgliches Leid erfahren. Von denen, die mit ihrem persönlichen Schicksal hadern gar nicht zu reden. Ist der eigene Zorn gerecht? Weltliteratur!


ISBN-10: 3446236422
ISBN-13: 978-3446236424
220 Seiten
erschienen am 07. Februar 2011
Carl Hanser Verlag