Balvenie

Balvenie

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Cornell & Diehl - Pennington Gap

Irgendwo zwischen muffig und dezent alkoholisch riecht es, wenn man Cornell & Diehl's „Pennington Gap“ öffnet. Das dunkle Tabakbild setzt sich aus Burley, Black Cavendish und einem Schuss Perique zusammen. Woher die alkoholische Duftnote kommt? Der Tabak ist lt. Beschreibung mit einem „guten“ Bourbon aromatisiert. Nach meinen positiven Erfahrungen mit McClellands „Virginia 35 Ribbon“, mit Whisky-Noten, bin ich auf den „Pennington Gap“ mehr als gespannt.


Erste Ernüchterung: Zunächst ist der Tabak viel zu feucht. Er lässt sich zwar noch relativ problemlos in den Pfeifenkopf füllen, aber schon das Entzünden gestaltet sich problematisch. Es folgt also eine zweiwöchige Zwangspause, ohne das ich dieses Machwerk von Cornell & Diehl genießen kann.


 Ca. zwei Wochen später riecht es aus der Dose nicht mehr so muffig, alkoholisch bleibt es dennoch. Nun gut, das darf ein mit Bourbon-Aroma angepriesener Tabak auch. Die ersten Züge lassen das Aroma erkennen, klar ist aber auch, dass Süße hier nur eine untergeordnete Rolle spielt. Wenn sie denn überhaupt da ist. Ich tippe auf den Perique, der bei einem unachtsamen Ziehen sämtliche andere Tabaknuancen nieder drückt. Aus dieser Klammer heraus zukommen geht nur über äußerste Zurückhaltung. Dann wird es würzig und das Aroma schickt sich an, die Zunge sanft zu umschmeicheln.

Für mich persönlich hat Cornell & Diehl mit dem „Pennington Gap“ eine aromatische, mittelstarke Mischung erfunden, die zwar selten ist, aber deswegen wahrscheinlich auch nur eine begrenzte Zahl an wirklichen und dauerhaften Freunden finden dürfte. Dabei liegt es mir völlig fern, an der Qualität des Tabaks zu zweifeln, aber diese Mixture erweckt bei mir den Eindruck, dass das hinzu gegebene Bourbon-Aroma einen aussichtslosen Kampf führt. Gegen einen Burley, der entgegen der Beschreibung des Herstellers hier überhaupt nichts Nussiges mit bringt und einem Perique, der für meinen Geschmack irgendwie falsch akzentuiert wurde. Jemand, der sich gerne selbst froh redet, würde jetzt sagen, dass im „Pennington Gap“, trotz Aromas, noch echter Tabakgeschmack zu finden ist. Dem könnte ich, obwohl der Tabak nicht chemisch schmeckt, nicht zustimmen. Ich gestehe: Ich komme mit ihm nicht klar! Andere Pfeifenfreunde mögen das besser als ich können. Von Cornell & Diehl nehme ich mir lieber eine andere Mischung und den Bourbon trinke ich lieber.

Dienstag, 29. Oktober 2013

G.L. Pease - Cumberland

Der „Cumberland“ von G.L. Pease ist sicherlich ein Nischenprodukt aus der Rubrik „es darf durchaus mal etwas heftiger sein“. Das war mir spätestens klar, als ich diese Mischung als erste Pfeife des Tages geraucht habe. Der Reihe nach:

Nach dem Öffnen der Dose findet der geneigte Freund eine an sich völlig harmlos aussehende Virginia-Mischung in feinen Fasern vor. Ein bisschen aufgelockert wird das Bild von dunklen Fäden. Glaubt man der Beschreibung, wurde vom Mischmeister ein über 20 Jahre gereifter Kentucky beigemengt. Ein Schuss zusätzliche Würze lässt die Dreingabe von Perique erwarten. Im Geruch findet sich das erwartete Heu und eben auch eine Portion ordentliche Würze im Hintergrund.


Einfachstes Anzünden schickt den Pfeifenraucher dann auch gleich los. Und wenn man nicht aufpasst und zu schnell pafft, dann geht es auf eine überraschende Reise. Das Wort „überraschend“ kann hier ganz schnell negativ belegt sein. Soll heißen: Das Kraut ist recht stark, was wohl dem Kentucky geschuldet ist. Der belegt dann auch alles und lässt einer Süße der Virginias keine Chance. Hat man nichts vorher gegessen, kann es noch übler ausgehen. Die Problematik liegt zudem darin, dass diese Mischung wohl am besten ihre natürlichen Aromen preis gibt, wenn der Pfeifenkopf nicht zu klein ist. Ihr merkt, es kann zu einem Desaster werden, nämlich das recht schnelle Sättigungsgefühl und die etwas größere Füllung.




Also bleibt einem nur das übrig, was der „Cumberland“ unbedingt verlangt. Man muss ihn sehr sanft und zurückhaltend rauchen. Dann dauert die Füllung zwar recht lange bis sie sich dem Ende neigt, aber man erhält eine durchaus vielfältige Raucherfahrung. Dann drückt hin und wieder der Kentucky, aber auch die dezente Süße kann sich Freiraum schaffen und der Perique erledigt seine Aufgabe ebenfalls in einem brillanten Zusammenspiel.

Dies ist kein Tabak von der Stange. Nee, der sucht und hat sicherlich seine ganz eigenen Fans. Für mich ein Tabak für den Abend. Nach einem guten Abendessen und mit einem kostspieligen Dram. Da punktet der „Cumberland von G.L. Pease bei mir. Den Rest vom Tage lasse ich ihn aber in der Schublade.

Montag, 21. Oktober 2013

Newminster - Straight Virginia #701

Ein Pfeifenkumpel aus den USA schrieb mich vor geraumer Zeit an und teilte, als Liebhaber naturnaher Tabake, mir mit, dass er ganz aktuell ein relativ „neues“ Kraut im Kocher habe. Dieser dürfte mir bestimmt auch schmecken und so bot er mir eine zünftige Probe vom „Straight Virginia #701“ aus dem Hause Newminster an. Relativ schnell bewältigte der Tabak seinen Weg über den großen Teich zu mir nach Hause.


Die Geruchsprobe, süßlich, eher Weiß- als Schwarzbrot, machte mich noch neugieriger. Das Schnittbild mit seinen weichen Fasern forderte mich heraus, mir eine Pfeife mit einem recht großen Kopf zu nehmen. So mancher amerikanischer Tabak kommt mir schon mal zu feucht vor, dieser hier befand sich jedoch im absolut richtigen, rauchfertigen Zustand. 


Selten bekommt man die Gelegenheit, eine frisch gefüllte Pfeife so leicht, vor allen Dingen gleichmäßig, zu entzünden. Im Geschmack ist der Tabak in der Folge süß, etwas nussig. Sehr angenehm und sehr wohl meine bevorzugte Richtung. Allerdings, das soll nicht verschwiegen werden: Mit zunehmender Rauchdauer fehlt es mir ein wenig an Würze, so ein kleiner Kick, der den Tabak gegenüber anderen heraus hebt und so etwas Besonderes draus macht. Und er muss unbedingt langsam geraucht werden. Ansonsten wird er bissig, und das kann sehr unangenehm sein. Im Ergebnis ein mehr als brauchbarer Virginia, den ich gerne wieder rauchen würde. Wenn er denn bei uns erhältlich wäre.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Letztes Konzert: ROSALIE am 26.10.2013 in Bad Kreuznach!

Mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge, schreibe ich jetzt hier die Tatsache nieder, dass ROSALIE am kommenden Samstag, den 26.10.2013, im Musikkeller Dudelsack in Bad Kreuznach wohl das letzte Konzert spielen wird. Zufällig spielen wir diesen Gig zusammen mit CENTRAL PARK, die mich im Jahr 2006 mit ihrer damaligen Reunion überhaupt dazu bewegt haben, selbst wieder ein musikalisches Projekt in Angriff zu nehmen. 2008 war es dann so weit, als ich die Musiker für ROSALIE gefunden hatte und wir die ersten Probesessions spielten. Fünf Jahre sind jetzt allerdings auch genug. Wir haben wirklich viele Konzerte gegeben. Dabei hatten wir Spaß, wir haben unzählig nette und interessante Leute kennen gelernt, wir haben sehr viel Erfahrung gesammelt.


Wir haben versucht, der Musik von THIN LIZZY neues Leben einzuhauchen. Wir wollten die Fahne für Phil Lynott, einem begnadeten Songschreiber und Poeten aus Irland, hochhalten. Das ist uns an vielen Stellen in Deutschland gelungen. Aber wir haben auch festgestellt, dass das Thema THIN LIZZY äußerst schwierig sein kann, an den Mann zu bringen. Es gibt in Deutschland noch zahlreiche LIZZY-Freaks. Sie aber an einem Samstagabend von der heimischen Couch in den Konzertsaal zu bewegen steht auf einem ganz anderen Blatt Papier. 

Viele Veranstalter tun ihr Übriges. Sie setzen ausschließlich auf Altbewährtes. Man müsste annehmen, dass die 98. AC/DC- oder 105. DEEP PURPLE-Show irgendwann den Leuten aus den Ohren raus kommt. Dem scheint nicht so zu sein. Überall findet man ein und dasselbe Programm. Noch dazu denke ich, dass der Tribute-Hype sich dem Ende nähert, deswegen ist es an der Zeit, mal etwas anderes zu machen.

Es gibt darüber hinaus immer weniger Veranstalter, die Wert auf ein abwechslungsreiches Programm legen. Ich habe zahlreiche Anekdoten erlebt, die den Schluss zulassen, dass es wichtiger ist, dass eine Gruppe Grölender bei qualitativ schlechter Mucke die Theke leer säuft, als das qualitativ und dauerhaft Abwechslung geboten wird. Am Ende laufen die Veranstaltungen nicht mehr. Wer einmal 7 EURO für eine unbekannte „Bierkistenband“ gezahlt hat, kommt nie wieder!

Unsere Konzerte dauerten für gewöhnlich fast drei Stunden. Es ist ein unheimlicher Kraftakt, das umfangreiche Programm als Hobbymusiker stets abrufbar zu haben. Dazu sind viele Stunden im Proberaum erforderlich. Und ja, inzwischen kommt auch mir THIN LIZZY aus den Ohren raus. Auch ich habe jetzt ein Motivationsproblem. Wenn der betriebene Aufwand in keinem Verhältnis zur Resonanz steht, dann muss man auch in der Lage sein, eine Idee am Ende zu begraben. Es ist ein Hobby, mehr nicht, also nicht lebensnotwendig. Was hängen bleibt, sind die vielen Stunden, in denen ich mit tollen Musikern die Greatest Hits von THIN LIZZY gespielt habe. Für mich war ROSALIE ein Lebenselixier, ein Projekt, was mir unheimlich viel Kraft und Energie abgefordert hat. Und ich denke, dass der 26.10.2013 in unserer Heimatstadt der geeignete Ort ist, um einen Schlusspunkt zu setzen. Ich bin "ROSALIE-müde"!

An dieser Stelle erlaube ich mir schon jetzt den Hinweis, dass ich dennoch weitere musikalische Ziele habe und ich dafür bereits den Grundstein gelegt habe. Ähnlich wie bei ROSALIE werde ich hier in diesem Blog zukünftig darüber berichten. Für mich bricht eine neue, wichtige musikalische Ära an, die mir sicherlich wieder einiges abverlangen wird. Aber ich habe in den letzten Monaten ein Konzept gestrickt, sozusagen einen roten Faden, an dem es sich entlang zu hangeln gilt. Bis zum Jahresende werde allerdings auch ich mir den Luxus gönnen und in Sachen eigener Musik gar nichts machen. Runter fahren, Bücher lesen, entspannt Musik hören, Pfeife rauchen und den einen oder anderen Dram genießen. Weiter geht es dann mit Volldampf im kommenden Jahr 2014. Ich hoffe, am nächsten Samstag noch mal den einen oder anderen „Fan“ anlässlich unserer Show in Bad Kreuznach zu treffen. Keep it LIZZY and the memory alive...

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Agatha Christie - Und dann gabs keines mehr

Ein Klassiker, ohne Frage, von der Mutter aller Krimis. Für meine Generation ist Agatha Christie sicherlich diejenige, die uns den Krimi in Wort und Schrift frühzeitig dargeboten hat. Und wenn nicht als Buch, dann spätestens in einem der zahlreichen und erfolgreichen Verfilmungen. Wer kennt ihn nicht, den Kinderreim von Frank Green aus dem Jahr 1869? „Zehn kleine Negerlein“ ist einer von den Titeln, der mich in meinem Leben weder rassistisch gemacht hat, noch hat er rechtsextremes Gedankengut in mir hervorgerufen. Der „political correctness“ wegen heißt dieses Buch seit dem Jahr 1985 „Und dann gabs keines mehr“.


In dieser Taschenbuchausgabe des 1939 erstmals erschienenen Romans gibt es zu Beginn eine Anmerkung des Verlages, in dem dieser bedauert, dass sowohl die Begriffe „Nigger Island“ als auch im Text „Zehn kleine Negerlein“ verwendet werden, da das Buch ansonsten vollkommen unverständlich wäre. So weit so gut. Anschließend darf der Leser dem Schicksal von zehn vollkommen unterschiedlichen Menschen beiwohnen, die alle von einem Unbekannten eine Einladung auf eine Insel bekommen haben. Das einzig Gemeinsame: Sie alle waren in irgendeiner Form in bisher ungeklärte Todesfälle verstrickt. Wie im Reim beschrieben, wird ein Mitglied nach dem anderen aus der Personengruppe ermordet, und nachdem die Absuche auf der Insel ergibt, dass sich keine weitere Person auf der Insel befindet, ist klar, dass der Mörder einer von ihnen sein muss. Was jetzt folgt ist ein gesundes Misstrauen untereinander, aber auch ein Sammeln von Indizien und handfesten Beweismitteln, die Rückschlüsse auf den Täter oder die Täterin zulassen.

Wer war es? Das ist die Frage, die den Leser ganz bis zum Schluss begleitet. Bis sich ein genialer Plot erschließt und man das Buch trotz allem mit einem Schmunzeln bei Seite legt. So intelligent können Plots sein, dazu der Zeit angepasst recht einfach erzählt, in einer gelungenen Übersetzung von Sabine Deitmer. Ohne großes Brimborium, schnell auf den Punkt, und doch spannend, geheimnisvoll, den Buchfreak bindend. Ein uralter Krimi, der das Thema „Selbstjustiz“ auf herrliche Art und Weise kritisch in den Mittelpunkt rückt. Hier wird vielleicht das vollzogen, was die ordentliche Justiz hätte erledigen müssen.



ISBN-10: 359617404X
ISBN-13: 978-3596174041
224 Seiten
erschienen erstmals am 06.11.1939
Fischer Taschenbuch

Dienstag, 15. Oktober 2013

Arno Geiger - Der alte König in seinem Exil

Es stand schon lange fest, dass ich die Geschichte des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger und seinem Vater August, der im Alter an Demenz erkrankt ist, lesen wollte. Und ich habe es nicht bereut. Was das Buch allerdings so lange auf der Spiegel-Bestsellerliste „Belletristik“ zu suchen hat, wird ein Geheimnis bleiben, denn es handelt sich ohne Frage um ein Sachbuch, eine Autobiografie.

Das Arno Geiger einen tollen Schreibstil pflegt, war mir seit „Alles über Sally“ klar. In „Der alte König in seinem Exil“ kommt noch ein kleiner Schuss an Emotion hinzu, berichtet der Autor aus seinem intimen Familienleben. Der Vater, der 26 Jahre im Gemeindeamt Wolfurt, Vorarlberg in Österreich, gearbeitet hat, kennt sich plötzlich im eigenen Haus, welches er vor 50 Jahren selbst geschaffen hat, nicht mehr aus. Die Ursache: Alzheimer Krankheit. Wir werden Zeuge, wie sich das Verhalten von August Geiger in über 10 Jahren andauernder Krankheit verändert und vor allen Dingen erfahren wir, welche enormen Auswirkungen diese auf das persönliche Umfeld, hier in erster Linie die Familie, hat. 


Arno Geiger beschreibt rückblickend und detailliert, wie er sich im Zuge des Erwachsenwerdens immer mehr von seinem Vater entfernte, und bedingt durch die Krankheit eine neue Freundschaft zu ihm schloss. Hochs und Tiefs bestimmen die lange währende Krankheit, doch das Wesentliche, was man aus diesem Tatsachenbericht ziehen kann, ist die Erkenntnis, dass der Umgang mit einem an Demenz erkrankten Menschen den Verstand schärft, und das Einfühlungsvermögen sowie Phantasie gefordert sind. Wer die Betreuung erfolgreich absolviert, der wird nicht zu Unrecht von Felix Hartlaub als ein „staatlich geprüfter Seiltänzer“ bezeichnet (Zitat s. S. 119). Der Vater lebt in seinem Exil, das heißt in seiner eigenen ungeordneten Welt, am liebsten an einem Ort, an dem er sich geborgen fühlt. In schwierigen Dialogen mit dem Erkrankten muss man sich daran erinnern, dass hier nicht mehr der Mensch, den man kennt, sondern die Krankheit mit einem spricht. Und genau dies führt sehr oft dazu, dass Betreuende schnell an ihre Belastungsgrenze geraten.

Insbesondere die aufgezeichneten Konversationen bringen ein bisschen Komik mit sich. Die Antwort hierfür liefert Arno Geiger auf S. 103 selbst. Wenn die Schwester die Zeilen des Skriptes liest, muss sie schmunzeln, merkt aber im selben Moment an, dass die Wirklichkeit ein Horror ist. Und noch eine mögliche Antwort liefert Arno Geiger in Bezug auf eine Entscheidung, die leider viele Angehörige früher oder später treffen müssen: Wenn eine Betreuung auf einem notwendigen Niveau nicht mehr möglich ist, und man die Entscheidung treffen muss, den Patienten in ein Pflegeheim zu geben, dann kann das einer persönlichen Niederlage gleichen. Und schließlich: Es ist die Aufgabe der Eltern, den eigenen Kindern etwas beizubringen. Das Letzte, was sie einem zeigen, ist, wie es ist, wenn man alt und krank ist.

Der alte König in seinem Exil“ ist sicherlich berührend, interessant sowieso, aber es ist auch eine Art Lehrstück für unsere immer schneller, und daher auch oberflächlicher werdende Gesellschaft. Demenz ist bis dato nicht heilbar, sondern bleibt bis auf weiteres eine schwere Belastung. Als Quintessenz aus diesem Buch ist die Demenz aber auch eine Verpflichtung, sich daran zu erinnern, wem man viel zu verdanken hat. Ein trauriger, aber auch wichtiger Abschnitt aus einer Vater-Sohn-Beziehung!


ISBN-10: 9783446236349
ISBN-13: 978-3446236349
189 Seiten
erschienen am 07. Februar 2011
Carl Hanser Verlag GmbH
 P.S.: Am 29. April 2011 verstarb mein Patenonkel, der an schwerer Altersdemenz erkrankt war. Ruhe in Frieden!

Montag, 14. Oktober 2013

Tim von Lindenau - Die andere Seite des Waldes

Wir leben in einer der waldreichsten Gegenden. Für den Naturliebhaber ist das ein Segen, der Einfluss, den der Wald auf Flora und Fauna in unseren Gefilden ausübt von großer Bedeutung und Wichtigkeit. Dieses Buch verweist auf „Mythen und Märchen von Wesen, die unscheinbar und zurückgezogen an Orten wohnen, wo sie ungestört in Frieden und Ruhe leben können“. Wer sich im Wald befindet und auf Wasser stößt, der sollte verinnerlichen , dass Wasser ein „wichtiger Quell für alles Werden“ ist.  Und wer es genau wissen will, der bewegt sich auf allen Vieren über den Boden und findet den „Wald im Wald“. „Die andere Seite des Waldes“ hilft zu verstehen, welch großer Schatz bei uns um die Ecke zu finden ist und kapiert, wie wichtig es ist, den Wald zu schützen und mit Respekt zu behandeln.


Der Autor Tim von Lindenau schildert seine Erlebnisse, als er neun Monate am Stück im Schwarzwald gelebt hat. Über die Nahrung, die sich im Wald findet, über das Verhalten der Tiere, wenn der Mensch im Laufe der Zeit den Geruch des Waschmittels abgestreift und den des Waldes annimmt. Über die Ruhe und die Kraft, die der Flecken Erde ausstrahlen und auf den vom Alltag gestressten Menschen übertragen kann. Hier wird eine Sichtweise vermittelt, die vielen oberflächlichen, vom Konsum gesteuerten Menschen abhanden gekommen ist. Die Natur ist ein hohes Gut, der man allerhöchste Priorität einräumen sollte. Ein unüberwindbarer Riese, der uns die Leviten lesen kann und auch wird, sollten wir diesen Respekt verlieren.

Die 105 Seiten dieses großartigen Buches lesen sich in einem Stück durch, und am Ende lehnt man sich zurück und weiß, dass man soeben Zeuge eines an sich unspektakulären, aber großartigen Abenteuers wurde. Ein Tatsachenbericht, mit beeindruckenden Bildern unterstrichen, der uns klar macht, dass in unmittelbarer Nachbarschaft ein kaum an Spannung überbietendes Naturereignis tagtäglich stattfindet. Und zwar immer, zu jeder Zeit, in der Nacht ganz besonders. Nirgends kann man dem Alltag entfliehen, nur der Wald bietet genau das, was sich so viele Menschen wünschen. Das scheint mir die wichtigste Aussage dieses kurzweiligen Berichtes zu sein.


ISBN-10: 9783890602707
ISBN-13: 978-3890602707
Erschienen im März 2008
105 Seiten
Neue Erde GmbH


Samstag, 12. Oktober 2013

Wieder mehr "independent bookstores" auch bei uns...?


Neulich habe ich in einem Feuilleton einen interessanten Bericht über die Renaissance der kleinen und unabhängigen Buchläden in den USA gelesen. Als Beispiel fungierte der Buchladen „Bank Square Book“ aus Mystic im Staat Connecticut. Diese Buchhandlung war im vergangenen Herbst vom Wirbelsturm Sandy fast vollständig „weggefegt“ worden. Ca. 40.000 Bücher waren in Folge von eindringendem Wasser durch Türen und Wände so gut wie unverkäuflich, was im Grunde genommen den Ruin der Besitzer bedeutete. Über Facebook folgten Bücherfreunde aus der Umgebung einem Hilferuf der Ladenbesitzer und schleppten Verkaufsexemplare in eine leer stehende Wohnung und in ein Möbellager, weitere Kisten mit Büchern wurden in privaten Garagen gestapelt. Nachdem der Laden über drei Wochen geschlossen blieb und somit auch kein einziges Buch verkauft werden konnte, waren die Besitzer nicht mehr in der Lage, die Angestellten zu bezahlen. Es drohte der Exitus. Daraufhin wurden 8.000 Dollar für eine Restaurierung des Ladengeschäftes gespendet und in den Wochen vor Weihnachten kauften Lokalpatrioten massenhaft Bücher. Und das alles, weil es für die Bürgerinnen und Bürger von Mystic undenkbar erschien, dass es vor Ort keinen kleinen, gemütlichen und persönlichen Buchladen mehr geben sollte.

Dieser Fall ist laut Bericht in den USA keine Ausnahme. Die Menschen dort wollen ihre unabhängigen Buchläden, die „independent bookstores“, wieder zurück. Das macht mir Hoffnung. Denn hier in Deutschland benötigt man keinen Wirbelsturm, um ohne kleine, gut sortierte Buchläden mit kompetenten Personal leben zu müssen. Hierzulande siegt nach wie vor die Bequemlichkeit des Kunden, mit seinem fetten Gesäß am Rechner seine Bestellung bei Unternehmen, wie beispielsweise Amazon, aufzugeben. Den Rest erledigen in den Fußgängerzonen die Branchenriesen Hugendubel und Thalia. Die Auswahl ist groß, die Beratung und die Atmosphäre sind eher schlecht. Das ändert sich hoffentlich auch bei uns wieder. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, denn für gewöhnlich ereilen uns die meisten Trends aus den USA mit zeitlichem Verzug (zumeist die Schlechten). So könnte endlich wieder etwas mehr Flair die deutschen Fußgängerzonen bestimmen, welches dafür sorgt, dass die Bücherfreaks wieder ihre Hüften in Bewegung setzen. Und ganz nebenbei: Die ersten Zeilen des erstandenen Druckwerkes könnte man zudem in einem netten Café genießen oder im Sommer bei einem kühlen Drink auf der Freischankfläche eines Bistros. Dann kurbeln Leseratten noch mehr die Wirtschaft an und machen einen Ausflug in die Innenstadt wieder abwechslungsreicher, bunter und somit lohnenswert. Und sie selbst profitieren auch davon... Ein schönes Lebensgefühl. Glaubt es mir!

Freitag, 11. Oktober 2013

Jonathan Franzen - Freiheit

 

Der Roman „Freiheit“ von Jonathan Franzen ist vielleicht DER amerikanische Gesellschaftsroman schlechthin. Und nach „Die Korrekturen“ dürfte der Autor spätestens jetzt neben Philip Roth zu einem der bedeutendsten US-Gegenwartsautoren avanciert sein. Eine Familie aus der amerikanischen Mittelschicht steht im Mittelpunkt dieses 30-jährigen Epos, in dem es nicht nur um Freiheit, sondern ganz besonders auch um Moral geht. 

Patty, in jungen Jahren eine ambitionierte Basketballspielerin, heiratet Walter Berglund eigentlich nur, weil sich dieser als Einziger wirklich um sie kümmert. In Wahrheit steht sie auf Walters besten Freund Richard, einen Rockmusiker. Walter und Patty haben zwei Kinder. Joey und Jessica,  und wohnen zu Beginn dieses Buches in einem netten Häuschen in St. Paul. Politisch ist die Familie bei den Demokraten angesiedelt, nicht zuletzt auch, weil Pattys Mom eine Berufsdemokratin ist. Da mutet es schon seltsam an, als der ungehobelte, rotzfreche Nachbar mit einem Pickup vorfährt, auf dessen Stoßstange die Worte „Ich bin weiß und ich gehe wählen“ zu lesen sind.


Als das Ehepaar ohne ihre Kinder (den Auszug des Sohnes hat Patty übrigens nie verkraftet) nach Washington zieht, befindet sich Joey längst mitten in seinem Studium und hat sich in seiner Sichtweise den Republikanern zugewandt. Tochter Jessica spielt in diesem Roman eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr handelt es sich bei dem vierten Protagonisten um Richard, dem Draufgänger und Musiker, mit dem Patty zwischenzeitlich eine kurze Affäre hatte. Walter nimmt einen etwas seltsamen Job im Bereich des Umweltschutzes an. Es geht um den Schutz eines Singvogels, dem Pappelwaldsänger. Es soll neuer Lebensraum geschaffen werden, auch wenn der anderweitige Umweltschutz darunter enorm leidet. Mit Geld ist eben alles möglich.

Klingt alles unspektakulär? Ist es ganz und gar nicht, denn man lernt hier eine Menge über den verbliebenen amerikanischen Traum. Ein Blick hinter die Kulissen, was in der neuen Welt wirklich abgeht und wie sie funktioniert und droht, zu zerbrechen.

Bis zu Nachbarschaftskriegen unter Hauseigentümern, die sich ihre Hütten allesamt mit günstigsten Krediten finanziert haben und die sie, wie wir alle inzwischen wissen, bald nicht mehr bedienen können, von Katzenliebhabern, denen es vollkommen egal ist, ob diese Vögel killen, das gehört eben zur Freiheit, von dem Griff nach dem Öl, als „Enduring Freedom“ nach außen und innen etikettiert, von emotionalen Gedanken bezüglich des 11. September, die im Zuge der Berichterstattung bei in sicherem Abstand befindlichen Menschen eher Unbehagen als Anteilnahme auslösen, von Versäumnissen und Missverständnissen untereinander…  von all dem handelt dieses Buch, und noch viel mehr.

Freiheit“ ist beeindruckend und eines der wichtigsten Bücher, welches ich in jüngster Vergangenheit gelesen habe. Weltliteratur! Nach über 700 Seiten stellt sich mir die Frage: Wer schreibt DEN entscheidenden Gesellschaftsroman über uns Deutsche, und vor allen Dingen wann wird er geschrieben?

ISBN-10: 349802129X
ISBN-13: 978-3498021290
erschienen am 08.09.2010
736 Seiten
Rowohlt Verlag


Donnerstag, 10. Oktober 2013

Robert Loius Stevenson - Die Schatzinsel


Ich glaube, dass der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson einer der unterschätztesten Autoren ist. Nein, besser „war“, denn anders ist es nicht zu erklären, dass es Zeiten gab, in denen man den Mann fast vollkommen aus der Literatur ausblendete. Ich gehöre zu denen, die möglichweise niemals so richtig erwachsen werden und deshalb schäme ich mich auch nicht, wenn ich hin und wieder etwas in Nostalgie schwärmen möchte und, nach dem ich mich an meine eigene Kindheit erinnert habe, zu einem alten Roman greife.

Und da ist natürlich „Die Schatzinsel“ präsent, nicht nur wegen der schönen TV-Verfilmung aus dem Jahr 1966, die allerdings viel mehr auf die filmischen Charaktere wert gelegt hat, als dass das England im viktorianischen Zeitalter eine wesentliche Rolle spielte. Aber genau Letzteres ist es, was dieses Buch gar nicht so unwesentlich macht. Weitestgehend aus der Ich-Perspektive erzählt uns der junge Jim Hawkins sein Abenteuer, als er im Zuge der Geschehnisse um die Schänke seiner Eltern, dem „Admiral Benbow“, in ein Abenteuer auf der Südsee und auf einer unbekannten Insel gerät. Die Fahrt auf der Hispaniola, befehligt vom sauberen und linientreuen Kapitän Smollett, mit dem einbeinigen Koch John Silver, der zu einem der Hauptprotagonisten avanciert und dem gescheiten, Pfeife rauchenden Dr. Livesey.
 
Stevenson und seine Reiseberichte sind lesenswert, hier hat er neben einer amüsanten auch eine durchaus spannende Story geschrieben. Dabei vermag er den Leser in eine Inselwelt eintauchen zu lassen, so, als wäre man selbst mit dabei. Das sind nicht nur die TV-Bilder, die sich da von der Kopfplatte ins Gedächtnis rufen. Oh, Du wunderschönes Korsika. Stevenson stellt die raue Schar überzeugend da, rüpelhaft, versoffen immer nach Rum gierend, prügelnd und messerstechend. Und dennoch befällt einen ein Hauch von Charme, der von der Meute ausgeht. Sah so die Seeräuberwelt wirklich aus? Als ganze Scharen noch Angst vor dem legendären Kapitän Flint hatten? Und auf der anderen Seite können und sollen wir uns mit der vielleicht damals so typischen und feineren englischen Gesellschaft auseinandersetzen.
 
Der Schreibstil mag im Grunde genommen noch so einfach sein, Stevenson schrieb diesen Roman bereits im Jahr 1883. Karl Lerbs lieferte hier im Jahr 1974 eine immer noch sehr gute Übersetzung, für einen oftmals unterschätzten, aber wunderschönen Abenteuerroman, der sich für Jugendliche als auch Erwachsene eignet, ja eigentlich schon aufdrängt. Darüber hinaus ist das ein Klassiker.


SBN-10: 9783458317654
ISBN-13: 978-3458317654
erschienen am 01.07.1974
291 Seiten
Insel Taschenbuch Verlag

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Herta Müller - Atemschaukel


Wenn der Nobelpreis für Literatur vergeben wird, dann bin ich immer skeptisch. Zwar sind die Kriterien für die Vergabe in etwa definiert, aber trotzdem erschließen sich mir die entscheidenden Aspekte zur Vergabe nur selten. Wenn eine deutsche Schriftstellerin diesen Preis bekommt (2009), werde ich neugierig und in diesem Fall war das Buch für mich ein persönlicher Gewinn. Herta Müller stammt ursprünglich aus Rumänien und sie hat ein wichtiges Thema aufgegriffen. Nüchtern betrachtet lautet es wie folgt:

Ich: Leopold Auberg, 17 Jahre alt, schwul und komme aus Hermannstadt. 
Lagername: Nowo-Gorlowka 
Bataillon: Nr. 1009
Arbeitsnummer: 756
Mein Problem: Hunger, Atemschaukel

Dieses Buch, mit sprachlicher Gewalt, erinnert daran, dass es im Jahr 1945 eine groß angelegte und systematische Deportation von Rumäniendeutschen in russische Arbeitslager gab. Alle im Alter von 17 bis 45 Jahren sollten in Arbeitslagern untergebracht werden und die Zerstörungen in der damaligen Sowjetunion wieder aufbauen. Und selbst, wenn man früh weiß, dass Leo Auberg die Strapazen überlebt, bangt man von Anfang bis Ende mit ihm. In den Kapiteln erinnert sich der Protagonist seiner selbst und zahlreicher Mitinsassen. Dabei stellt er auf ergreifende Art und Weise Schicksale dar. Im Lager stirbt man im Winter an der Kälte und im Sommer an den Epidemien. Doch das Schlimmste, was einem passieren kann, ist wohl der Hunger. Atemschaukel, das ist Hunger. Einzige wirkliche Nahrung: Die Erinnerung an Sätze wie die der Großmutter „Ich weiß, Du kommst wieder“.

Wenn jemand trotz Unterernährung arbeiten will (muss), weil es ihn friert, dann zeigt dies das ungeahnte Ausmaß an Leid, welches die Menschen ertragen mussten. Dass man daraus lernt, ist klar. Dieser Roman beinhaltet Aussagen, die mit unbeschreiblicher Wucht daher kommen. Wenn ein Mensch in Not ist ums Überleben kämpft, dann wird es soweit kommen, dass man dem jeweiligen Mitleidenden nichts mehr abgibt, weil es für diesen keinen Sinn mehr macht. Zumeist sind es Menschen, die auf Grund des Hungers unmittelbar vor dem Sterben stehen. Es sind nur noch Kreaturen, die ein Stück Holz mit einem Stück Brot verwechseln. Wenn man die Kleidung eines Toten benötigt, wenn man ein aufgespartes Stück Brot eines Toten nimmt, dann ist der Tod sogar ein Gewinn! Wobei diese Betrachtungsweise einseitig ist. 

Der Roman „Atemschaukel“ beschreibt den Kampf des Einzelnen, nicht den Zusammenhalt im Lager. Es ist die Hoffnung, selbst nicht der/die nächste zu sein. So relevant der Sachverhalt ist, so überzeugend ist die verwendete Sprache der Autorin. Mit jeder gelesenen Seite wird dem Leser klar, dass hier die ganz große Schule verabreicht wird. Weltliteratur, für uns Deutsche sowieso! Ein Buch, welches Herta Müller ursprünglich mit Oskar Pastior gemeinsam schreiben wollte, der leider vor der Fertigstellung verstarb. Die Geschichte beruht auf Teilen von Erinnerungen des Lyrikers Pastior.



ISBN-10: 3446233911
ISBN-13: 978-3446233911
304 Seiten
erschienen am 17. August 2009
Carl Hanser Verlag GmbH


Sonntag, 6. Oktober 2013

Friedrich Ani - Süden

Friedrich Ani, 1959 in Kochel/See geboren, ist ein Krimiautor, der die Großstadt liebt. So gesehen passt die von ihm erfundene Romanfigur Tabor Süden ins Leben. Tabor Süden, der in Taging aufgewachsen ist, sein Abitur gerade so geschafft hat und der, um dem Wehrdienst zu entfliehen, zur Polizei ging. Nach seiner Streifenzeit landete der Protagonist zunächst bei der Münchener Mordkommission, bevor er schließlich beim Kommissariat für Vermisstenfälle seinen Dienst versah. Das Wort „schließlich“ ist im Fall des neuen Romans von Friedrich Ani wörtlich zu nehmen, denn zum einen dauerte es sieben Jahre, bis es einen neuen Süden-Fall gab, zum anderen hatte sich die Hauptperson im Roman vor sieben Jahren freiwillig dem Dienst entsagt und war, man höre und staune, als gestandener Bayer in die Karnevalstadt Köln am Rhein gezogen. Und ganz ehrlich: Wenn sich ein bayerischer Kriminalbeamter freiwillig ins Preußenland begibt, dann ist es auch nicht absurd, dass sich ein gestandener Wirt aus einem geschichtsträchtigen Stadtteil der bayerischen Landeshauptstadt von einem Tag auf den anderen aus dem Staub macht, seine ratlose Frau zurück lässt und sich etliche, ehemalige Stammgäste nicht zusammen reimen können, warum und wieso der Inhaber der Gasträume plötzlich nicht mehr zugegen ist, geschweige denn, dass diese eine Vorstellung davon haben, wo sich der Gesuchte aufhalten könnte.

In Köln erhält Tabor Süden zwei Jahre nach dem Verschwinden von Raimund Zacherl einen seltsamen Anruf von seinem Vater, den er als Jugendlicher zuletzt gesehen und gesprochen hat. Denn bevor die beiden einen Treff- und Zeitpunkt verabreden können, ist die Leitung gekappt. Also begibt sich Süden in seine ehemalige Heimat, um seinen Vater im Großstadtdschungel zu finden. Und um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dockt er als Freischaffender bei einer Detektei an und wird mit dem Vermisstenfall konfrontiert, den die Polizei schon lange zu den Akten gelegt hat.


Ani beschreibt mit fesselnden Dialogen die Wesen der täglich wiederkehrenden Stammgäste, zeigt den Unterschied zwischen hoheitlichen Handeln und dem eines „privaten“ Dienstleistungsgewerbes auf, da Süden als „schlichter“ Detektiv über keinerlei staatliche Befugnisse mehr verfügt. Im Zuge der Ermittlungen trifft Süden auf eine überforderte, allein erziehende Mutter, während der Vater dem Alkohol zutiefst verbunden ist. In teils lyrischen Wort- und Satzgebilden liest sich dieser Roman leicht und verständlich, ein ums andere Mal bringt uns der Autor den bayerischen Dialekt näher, so wie es für sich einen anständigen München-Krimi gehört, und lässt uns am Gewohnsheitstratsch des bayerischen "Boatzen-Gängers" teilhaben. Man braucht keine Toten in einem Roman, um Spannung zu erzeugen, denn Ani zieht die Story gekonnt so auf, dass der Leser ohne jeglichen Gewaltorgien genussvoll von Seite zu Seite voran schreitet, um so das vermeintliche Schicksal des vermissten Raimund Zacherl zu erfahren. Einzig völlig aus der Realität heraus geggriffen ist die Tatsache, dass es kaum Menschen gibt, die tatsächlich von einem nächtlichen Spaziergang zum Zigarettenautomaten nicht wieder auftauchen. Das sind Mythen und nichts anderes. Tolles Buch!


ISBN-10: 3426199076
ISBN-13: 978-3426199077
368 Seiten
erschienen am 14. März 2011
Droemer Verlag

Philip Roth - Nemesis

Im Sommer 1944 plagt die Bürger von Newark im Staat New Jersey eine schier unerträgliche Hitze. Es sind Ferien, und diejenigen, die es sich leisten können, verbringen die Zeit an der See. Die anderen bleiben zu Hause. Eugene „Bucky“ Cantor“ ist ein junger Sportlehrer, der wegen seiner Sehschwäche nicht in den Krieg ziehen darf. Stattdessen beaufsichtigt er die spielenden Kinder und Jugendlichen auf dem heimischen Sportplatz im jüdischen Stadtteil Weequalic. In der Ferne, an der Front im Zweiten Weltkrieg, sterben Soldaten, und in Newark greift eine Polio-Epidemie um sich, die mit zunehmender Intensität die ersten Todesfälle in der Heimat fordert. Betroffen davon sind auch Jugendliche, über die „Bucky „Cantor die Aufsicht führt...


In diesem Buch beweist Philip Roth erneut, dass er zu den wichtigsten Gegenwartsautoren aus den USA gehört. Er zeichnet mit „Bucky“ Cantor einen Charakter, der die Grundlage für alle weiteren und wichtigen Aussagen in diesem Buch bildet. Aufgewachsen bei seinen Großeltern, weil die Mutter bei der Geburt verstarb und der Vater wegen Geldunterschlagung die Familie verlassen musste, entwickelt er ein regelgerechtes Pflichtbewusstsein. Er kommt aus recht ärmlichen Verhältnissen und träumt, wie viele andere Menschen auch, durch redliche Arbeit von einem eigenen Haus mit Garten. Der Autor zeigt allerdings auf, dass ein übertriebenes Pflichtbewusstsein einen Menschen durchaus schwächen kann. Ein Gewissen zu haben ist wunderbar, allerdings nur so lange es nicht dazu führt, dass man sich für etwas verantwortlich macht, was man keinesfalls zu verantworten hat.

Und es steht natürlich die Frage im Raum, auch von den Hinterbliebenen von Polio-Opfern, warum und wieso gerade dieser Junge oder dieses Mädchen, warum ausgerechnet unser Sohn oder unsere Tochter? Gibt es im Leben Gerechtigkeit? Wohl eher nicht, so deute ich Philip Roth‘ seine Antwort im Roman. Der Autor geht sogar noch einen Schritt weiter. Es geht um das persönliche Verhältnis zu Gott. Wie kann Gott es zulassen, dass so eine, damals noch unbezwingbare Krankheit über die Menschen herfällt und seine Opfer fordert? Ist die eigene Bildung von beinahe Hassgefühlen gegenüber Gott mit dem Gewissen noch vereinbar und ist es zulässig, Gott für das Unheil verantwortlich zu machen? Was „Bucky“ Cantor über weite Strecken in „Nemesis“ in seinem Umfeld erlebt und verarbeitet, weitet sich gegen Ende zu einer persönlichen Tragödie für den Protagonisten aus. Eine intelligente nochmalige Zusammenfassung der aufgezeigten Problematiken über persönliches Schicksal und den Fragen nach Gewissen, Gerechtigkeit und dem Verhältnis zu Gott. Hätte „Bucky“ Cantor wegen seines Verantwortungsbewusstseins anders handeln müssen?

Die Sprache von Roth ist in diesem Roman sanft und weich, und dennoch sehr eindringlich. Niemals überanstrengend und vollkommen strukturiert werden die Problemfelder aufgezeigt und auf beeindruckende Art und Weise in die Geschichte eingebunden. Die Polio mag in den zivilisierten Industriestaaten keine Rolle mehr spielen, der Weltkrieg ist längst beendet und die Spuren weitestgehend beseitigt, alles andere in diesem Roman ist aktueller denn je. In einer Welt, in der sich täglich Tragödien ereignen, Menschen dabei ums Leben kommen oder unerträgliches Leid erfahren. Von denen, die mit ihrem persönlichen Schicksal hadern gar nicht zu reden. Ist der eigene Zorn gerecht? Weltliteratur!


ISBN-10: 3446236422
ISBN-13: 978-3446236424
220 Seiten
erschienen am 07. Februar 2011
Carl Hanser Verlag


Samstag, 5. Oktober 2013

Howard Jacobson - Die Finkler-Frage


Wenn man gerne Gesellschaftsromane liest und den US-Autor Philip Roth kennt, dann weiß man auch über Howard Jacobson Bescheid. Sollte man annehmen. Doch dem dürfte in den allermeisten Fällen, erstaunlicherweise, nicht so sein. Jacobson ist Brite und hat überwiegend in der Heimat seine Bücher veröffentlicht. Immerhin hat ihm das mit 68 Jahren den Booker-Preis eingebracht. Da Jacobson sich, ebenso wie Roth, der jüdischen Tradition verpflichtet sieht, hält er auch in „Die Finkler-Frage“ daran fest. Und wie!!! 

Jacobson ist politisch und satirisch, sprachlich gewandt, mit spaßigen, jederzeit wertvollen Dialogen. Wie zu erwarten, machen die beiden „echten“ Juden dem Wunschjuden Treslow schnell klar, dass man als Jude lange und intensiv leiden muss. Das kann man sich nicht selbst aneignen, auch nicht mit dem Erlernen der hebräischen Sprache. Ohnehin ist ordentlich politischer Zunder bei den Beteiligten vorhanden. Für Samuel Finkler gibt es nur Palästina und kein Israel. Finkler stellt schon seit Kindeszeiten für Treslow genau das dar, was er sich unter einem beispielhaften Juden vorstellt.

Mit Hepzibah Weizenbaum begibt sich Treslow auf ein jüdisches Liebesabenteuer, ganz nebenbei eröffnet die Dame in London ein Museum für anglo-jüdische Kultur. Jüdisches Dasein in der heutigen Gesellschaft im heutigen Leben der britischen Hauptstadt. Wie geht das? Auf all das findet Howard Jacobson vielleicht nicht die abschließende Antwort, aber er liefert plausible Hintergründe dafür. Mal nachdenklich, mal sich selbst hochnehmend. Das ganze Buch, von der ersten bis zur letzten Zeile, ist zwar anspruchsvoll, aber es ist ein wahrer Lesegenuss. Mit das beste, was ich im abgelaufenen Sommer lesen durfte.


ISBN-10: 3421045232
ISBN-13: 978-3421045232
436 Seiten (Leseexemplar)
erschienen am 12. September 2011
Deutsche Verlags-Anstalt


Freitag, 4. Oktober 2013

Ransom Riggs - Die Insel der besonderen Kinder

Dies ist die Geschichte von Jacob und seinem Großvater. Die Geschichte des Großvaters geht in diesem Buch zu Ende, die von Jacob hoffentlich noch lange nicht. Das könnte schon mein Fazit sein, denn das Ende von „Die Insel der besonderen Kinder“ schreit förmlich nach einer Fortsetzung.


Der junge Jacob kommt aus einer bürgerlichen amerikanischen Familie. Er pflegt ein besonders enges Verhältnis zu seinem Großvater, der ihm stets geheimnisvolle Geschichten aus dessen Vergangenheit erzählt. Anfangs glaubt Jacob seinem Großvater noch, doch je älter er wird, desto mehr hält er das Meiste für ausgedacht und fiktiv. Eines Tages erhält er von seinem Großvater einen Anruf, in dem dieser seinen Enkel um Hilfe bittet. Jacob kommt nicht mehr rechtzeitig am Haus des Großvaters an, er findet ihn schwer verletzt vor. Das letzte, was dieser Jacob noch ins Ohr flüstern kann, ist die Bitte, er möge den Vogel finden, in der Schleife, auf der anderen Seite vom Grab des alten Mannes, 3. September 1940. Danach stirbt der Großvater. Und einer Sache ist sich Jacob absolut sicher, nämlich dass er noch am Tatort ein Monster gesehen hat.

Von diesem Tag an ist Jacob davon besessen, die Insel zu besuchen, auf der sein Großvater in seiner Jugend lebte. In der Hoffnung, dass er herausfindet, was die erzählten Geschichten von Cairnholm bedeuten.

Ransom Riggs hat ein spannendes Fantasy-Buch geschrieben. Es ist für die Jugend geeignet, aber auch als Erwachsener hat man seinen Spaß an dieser Story. Ein ums andere Mal wird einem mit Fortgang der Geschichte vieles sichtbarer, was zu Beginn noch ungeklärt im Raum steht. Alle Kreise schließen sich, es bleiben keine Fragen offen. Bis auf eine…nämlich: Wie geht es weiter?

Hervorzuheben sind außerdem die Fotos im Buch, die alle richtig platziert sind und durch Text im Buch erläutert werden. Sie verleihen dem Leser noch mehr Vorstellungsvermögen von dem, was er gerade liest. Insgesamt ein hervorragendes Buch, ein Fantasy-Roman ohne Vampire, Drachen, Elfen und Zwerge, dafür aber mit Monstern und ganz besonderen Kindern.


416 Seiten
ISBN-10: 3426283689
ISBN-13: 978-3426283684
erschienen am 02. November 2011
PAN

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Ken Follett - Die Tore der Welt

Wenn ich Verleger von Ken Follett wäre, dann hätte ich alleine aus monetären Gründen eine Fortsetzung des Klassikers „Die Säulen der Erde“ gefordert. Wenn ich Ken Follett persönlich wäre, dann hätte ich aus selbigen Gründen eine Fortführung der Geschichte geschrieben. Lassen wir es als gegeben stehen, dass die zahlreichen Fans des Schriftstellers genau dieses Buch wollten.

Historische Romane gibt es in Hülle und Fülle, nur wenige haben so eingeschlagen wie Folletts Story aus dem englischen Kingsbridge. Der Autor hat es im Grunde genommen clever gemacht. Er hat den Schauplatz samt Kirche beibehalten, hat sich 200 Jahre ins 14. Jahrhundert vor bewegt und ein paar wenigen Protagonisten verwandtschaftliche Beziehungen untergejubelt. Ansonsten ist „Die Tore der Welt“ ziemlich eigenständig und kann deswegen ohne „Die Säulen der Erde“ zu kennen gelesen werden. Was bei Freunden von Ken Follett allerdings kaum der Fall sein dürfte. 


Auf einen festen Plot, an dem sich die gesamte Geschichte entlang hangelt, wurde verzichtet. Vielmehr lesen wir die Lebensgeschichte zahlreicher Personen, die im damaligen England ihr (Un-)Wesen trieben. Adel, Ritter, Baumeister, Kaufleute, Mönche, gespickt mit außerordentlich viel Sex und anderen Sauereien, die dem Leser ein ums andere Mal auch Wut in den Bauch treiben. Ach ja, und dann gab es da noch eine schlimme Krankheit, die sich Pest nannte und von Italien aus rasend  schnell ganz Europa eroberte. Wer sind die Hauptprotagonisten? Eindeutig Caris und Merthin, ein talentierter Baumeister, eine Freundin namens Gwenda, ein unsympathischer Ralph sowie ein feiger und hinterlistiger Mönch mit Namen Godwyn. Klar, da gibt es noch viel mehr Menschen, über die der Leser auf den fast 1300 Seiten stolpert. 

Womit ich auch zur wirklich einzigen Kritik komme: Das Buch ist viel zu dick und die Story zu lang. Irgendwann nervt es, weil so manche Boshaftigkeit vorausschaubar ist, weil Caris ewig nicht in der Lage ist, ein und dieselbe Frage für sich selbst zu klären und weil Merthin unbelehrbar und auf ewig an einer einzigen Frau klebt. Insgesamt liest sich der Wälzer dennoch recht flott und einfach dahin, Follett entspannt den Leser mit recht weicher Kost und hat zudem offensichtlich gut recherchiert. Wer gerne Zeuge „Der Säulen der Erde“ war, wird auch gerne durch „Die Tore der Welt“ schreiten und die vielen Stunden mit diesem Schmöker nicht bereuen. 


ISBN-10: 3785723164
ISBN-13: 978-3785723166
1296 Seiten
erschienen am 29. Februar 2008
Bastei Lübbe

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Håkan Nesser - Die Perspektive des Gärtners

Den schwedischen Autor Håkan Nesser kannte ich bis dato nur durch seine fiktiven Inspektoren Barbarotti und Van Veteren. In „Die Perspektive des Gärtners“ schaut der Schriftsteller Erik durchs Fenster und beobachtet, wie seine vier jährige Tochter bei einem unbekannten Mann in dessen grünes Auto steigt. Die Polizei tappt in der Folge im Dunkeln, keine Leiche und kein Erpresserschreiben. Um dem Leidensdruck ein wenig zu entgehen, ziehen Erik und seine Frau Winnie nach New York in eine kleine, aber sündhaft teure Wohnung um. Etwa 14 Monate nach dem Verschwinden des Kindes verändert sich Winnie und Erik mutmaßt, dass seine Frau ihm etwas verheimlicht. Und dann ist sich Winnie sicher, dass das kleine Mädchen lebt und verlässt auf unbestimmte Zeit die gemeinsame Wohnung.


„Die Perspektive des Gärtners“ ist an sich kein typischer Krimi. Das Buch baut weniger auf Spannung, als auf das Beschreiben der jeweiligen Charaktere. Dabei dominieren zwei unterschiedliche Handlungsstränge. Aus der Ich-Perspektive beschreibt Erik die Gegenwart, mit Trauer, kaum vorhandener Zuversicht und dem Zerbrechen einer einst glücklichen Ehe, und aus der Vergangenheit berichtet er vom Kennenlernen, vom erfolgreichen Malen und Schreiben.

Nesser benutzt einen eher poetischen Stil als uns mit rasanter Spannung und dramaturgischen Wendungen in den Bann zu ziehen. Der Autor ist neben Mankell einer der erfolgreichsten skandinavischen Schriftsteller und schreibt doch so anders. Und das ist auch gut so. Das macht diesen Autor zu einer ständigen Empfehlung. Einzig: Die Übersetzung von Christel Hildebrandt erscheint mir an wenigen Stellen etwas unglücklich.


ISBN-10: 344275173X
ISBN-13: 978-3442751730
319 Seiten
erschienen am 23. August 2010
btb