Balvenie

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Dienstag, 3. Juni 2014

Bernard Minier - Kindertotenlied

Ein 90-jähriger, ehemaliger Professor an einer Eliteuniversität im französischen Marsac beobachtet auf einem Nachbargrundstück, wie in einem Swimmingpool zahlreiche Puppen treiben und am Beckenrand ein junger Mann reglos sitzt. Die Terrassentür steht offen und aus dem Wohnraum erklingt die Musik von dem österreichischen Komponisten Gustav Mahler. Wenig später erhält Martin Servaz von der Kripo Toulouse einen Anruf von seiner Ex-Geliebten. Ihr Sohn Hugo sei von der Polizei verhaftet worden. Am Tatort findet die Polizei in der Badewanne die tote und gefesselte Claire Diemar, eine 32-jährige Lehrerin. Im Mund der Getöteten steckt eine Taschenlampe, die den Mundraum ausleuchtet. Und mit der Musik von Gustav Mahler drängt sich Martin Servaz ein furchtbarer Verdacht auf. Ist der Psychopath und Mörder Julian Hirtmann wieder da und setzt seine Serie von Verbrechen fort?

Von Beginn ist der zweite Roman von Bernard Minier sehr atmosphärisch, die Stimmung ist düster, dicht, beklemmend und geladen, es knistert. Es herrscht stets starker Regen, Blitz und Donner liegen in der Luft, es ist schwül und heiß. Es findet zur Zeit der Handlung die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika statt und die französische Nationalmannschaft macht mehr durch skandalöse Ereignisse anstatt guter sportlicher Leistungen auf sich aufmerksam. Minier erzeugt Spannung. Er gibt dem Leser Einblicke in elitäre, jugendliche Kreise, beschreibt einen aufstrebenden, moralisch weit unten anzusetzenden Politiker und leistet so auch ein Stück Gesellschaftsbeschreibung und -kritik.
Im Vordergrund steht aber ein ausgeklügelter Plott, bei dem es sehr lange dauert, bis der Leser ahnt, die Lösung des Falles zu erkennen. Zahlreiche Drehungen und Windungen im Handlungsstrang machen Lust darauf, immer weiter zu lesen. Da stört es kaum, dass auch übliche Klischees eingebracht werden, wie z.B. einen ermittelnden Polizisten, der rechtlich nicht immer sauber vorgeht und somit interne Ermittlungen gegen sich auf den Plan ruft, dessen unbeirrt er die Aufklärung des Falles ohne Rücksicht auf Verluste weiter betreibt.
Alles in allem ein spannender und sehr lesenswerter Psychothriller. Da stören immer wieder auffindbare Floskeln wie "Wenn es der, der sitzt, nicht war, dann läuft da draußen gerade ein Irrer 'rum" oder ein platter Satz wie "sollte die Information heraus kommen, ginge diese schneller an die Presse als Usain Bolt über 100 Meter benötigt" kaum. Letzterer ist vielleicht auch nur eine schlechte Übersetzung ins Deutsche.

ISBN-10: 3226199807 
ISBN-13: 978-3426199800  
656 Seiten
erschienen am 03. Februar 2014
übersetzt von Thorsten Schmid
Droemer Verlag