Balvenie

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Sonntag, 4. Januar 2015

Dave Eggers - Der Circle

Das Thema "Soziale Netzwerke" betrifft inzwischen fast alle Altersklassen und unterscheidet sich bei den Benutzern nur im Bereitstellen von persönlichen Informationen für die Öffentlichkeit oder für einen bestimmbaren Personenkreis, nicht aber für die Betreiber, also die Konzerne, die uns offensichtlich völlig selbstlos ihre Portale zur Verfügung stellen, auf denen sich die User austoben und im Sinne der unterschiedlichsten und vielfältigsten Themen austauschen und selbst darstellen. Kostet in den allermeisten Fällen nichts, finanziert wird das alles durch Werbung oder anderweitige Serviceleistungen, die man, selbstverständlich gegen Aufpreis, dazu buchen kann. So weit, so gut, diese Geschäftsidee ist bei oberflächlicher Betrachtungsweise simpel und für jeden Angemeldeten nachvollziehbar und einleuchtend. Inzwischen haben wohl selbst die leichtsinnigsten Internetnutzer begriffen, dass der größte Lohn für die inzwischen gigantischen Konzerne aus der Bereitstellung von Daten, seien es bloße Fakten und Zahlen, aber auch Verhaltensweisen zu allen erdenklichen Interessen und Vorlieben, besteht. Hungrige Datenkraken, die den Menschen so gläsern wie möglich machen, um Profite zu steigern und so in der Wirtschaft, aber auch in der Politik, mehr und mehr Einfluss zu nehmen. Jedes einzelne Unternehmen wird sein Ziel alleine wohl nicht erreichen, doch wenn Facebook Milliarden von Dollar für das Nachrichtenaustauschprogramm WhatsApp hinblättert, wenn Google sich Youtube einverleibt und darüber hinaus mittels Android große Teile des Handymarktes beherrscht, wenn Google am liebsten überall auf der Welt Kameras aufstellt, wenn Amazon nicht mehr nur aus einer Verkaufsplattform besteht, sondern mit Prime Instant Video große Teile der „Video on Demand-Nutzer“ abgreift und mit seinen eBooks auf einem Kindle nicht nur weiß, welche Bücher wir lesen, sondern auch, auf welcher Seite wir das Buch, aus welchen Gründen auch immer, endgültig weg gelegt haben, dann herrscht eigentlich schon jetzt Alarmstufe Rot. Die Steigerung von alle dem beschreibt der Autor Dave Eggers in seinem Roman "Der Circle".

Was passiert, wenn sich die genannten Konzerne gegenseitig schlucken oder freiwillig vereinen? Können wir uns dann wirklich auf eine EU-Gesetzgebung, die eine Monopolstellung nicht erlaubt, berufen? Glauben wir wirklich daran, dass uns die Politik vor solchen Szenarien ernsthaft schützen kann? Halten wir es für möglich, dass strengere Datenschutzrichtlinien ausreichen, um ein gezieltes Einsetzen der vorhandenen Daten über uns, gegen uns, zu welchen Zwecken auch immer, zu verhindern?
Die 24-jährige Mae heuert in "Der Circle" mit Hilfe ihrer besten Freundin Annie in genau so einem Unternehmen in Nordkalifornien an, nachdem sie zuvor ein Jahr beim örtlichen Strom- und Gasversorger gearbeitet hat. Auf dem Firmengelände stehen, wie selbstverständlich, allen Beschäftigten Caféterias aus Glas, Bibliotheken, Ärzte, Wohnheime etc. kostenlos zur Verfügung, alle Mitarbeiter sind nett und freundlich, dazu hoch motiviert. An der Spitze des Konzerns stehen drei sog. Weise, die sich in wiederkehrenden Abständen mit modernster Technik ihren Angestellten widmen. Der Circle scheint ein Hort der Menschlichkeit und eine echte Community zu sein, eine Firma, die sich bis zum Zahnversicherungsschutz um alles und jeden kümmert.
Voraussetzung für all dies ist jedoch, dass sich die "Circler" bedingungslos den Regeln der Community unterwerfen und diese niemals in Frage stellen. Ziel ist die völlige Transparenz jedes Menschen für alle Interessierten, zunächst intern und später extern. Der unternehmensinterne Stream wird vom Inner- zum Outercircle. Ungerechtfertigtes Handeln soll mit totaler Überwachung präventiv verhindert werden, das alles im Sinne der Menschenrechtsaktivisten. Das Motto: "Sie wissen nicht, dass wir sie sehen, aber wir sehen sie" und "Transparenz bringt Seelenfrieden". Community und Kommunikation haben die gleiche lateinische Wurzel: "Communis" bedeutet öffentlich, von allen geteilt. Was in die Cloud geladen wird, ist auf immer und ewig für alle zum Teilen bereit. Irgendwann könnte es dann Circle-Money für alle Online-Käufe geben und die Kartellaufsicht des Senats stößt voraussichtlich an seine Grenzen. Denn "Der Circle" baut sich ein Monopol, der Einfluss auf alle politischen Aktivitäten und Absichten hat.
Der Autor hat hier kein Sachbuch geschrieben, obwohl es als solches sicherlich nicht weniger brisant wäre. Ganz im Gegenteil. Denn was im Buch an manchen Stellen noch als fiktiv und eher futuristisch zu sein scheint, ist in Ansätzen bereits jetzt in unserer Gesellschaft zu erkennen. Wer nicht mitmacht, ist nicht trendy. Nach dem Lesen tauchen schwerwiegende und nachhaltige Fragen auf. Wird es möglich sein, dass die großen Player bald imstande sind, ganze Staatensysteme zu verändern? Sollte man die Piratenpartei und deren programmatischen Inhalte nicht wesentlich kritischer sehen? Haben Staaten wie China in gewisser Weise nicht doch recht, wenn sie Teile des Internets hoheitlich sperren? Das alles ist mit ein bis zwei Sätzen sicherlich nicht zu beantworten, aber ganz sicher muss darüber immer und immer wieder nachgedacht und intensiv diskutiert werden. Wenn alles transparent ist, dann gibt es auch keine geheimen Wahlen und somit auch keine Demokratie mehr. "Der Circle" möchte mit Social Media eine sicherere und vernünftigere Welt schaffen. Wenn das mal gut geht!
Es handelt sich bei diesem Buch um einen Roman, den ich in die Rubrik "Gesellschaft" einordne. In seiner Struktur und in seinem Aufbau stößt der Leser schnell an enge Grenzen. Keine Nebenschauplätze und die Charaktere werden schlicht und ohne besondere Wesensmerkmale beschrieben. Auch der vermeintliche Plot kann getrost als bieder und wenig aufreibend bezeichnet werden. Aber darauf kommt es hier nicht an. Denis Scheck hat Recht. Dieses Buch gehört wirklich spätestens jedem 14-jährigen unter den Weihnachtsbaum gelegt. Und ich überlege mir die nächsten Tage, wie lange es wohl noch dauern wird, bis ich meinen Facebook-Account lösche.


ISBN-10: 3462046756
ISBN-13: 978-3462046755
560 Seiten
erschienen am 14. August 2014
übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Kiepenheuer und Witsch Verlag