Balvenie

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Sonntag, 1. Februar 2015

Arnaldur Indridason - Nacht über Reykjavik (Island-Krimi)

Erstaunt war ich bei der Lektüre von "Nacht über Reykjavik" bereits nach 50 Seiten. Spätestens da war klar, dass eben nicht Marien Briem im Mittelpunkt der Handlungen steht, sondern ein junger, neugieriger, aufstrebender und nicht so mürrisch wirkender Erlendur Sveinsson im Alter von 28 Jahren. Der lernt seinen neuen Einsatzraum, die Stadt Reykjavik mit seinen ca. 100.000 Einwohnern, in einer schwarzen Maria, vorzugsweise während der Nachtschicht kennen. Dann ist er auf Streife, nimmt Verkehrsunfälle auf, schlichtet Familienstreitigkeiten (heute nennt man das "Gewalt in engen sozialen Beziehungen“) und dreht ruhestörende Partys leiser.

Als drei Jugendliche in einem Vorstadttümpel einen ertrunkenen Obdachlosen finden, und zeitgleich eine gut situierte, goldschmuckliebende Dame nach einem Kneipenbesuch nicht mehr nach Hause kommt, da wächst im jungen Erlendur die Neugier. Die Neugier, die ihn später zum Ermittler werden lässt. Da der Tote für Erlendur kein Unbekannter ist, ermittelt er auf eigene Faust und dringt nachträglich in die Welt des Stadtstreichers ein. Nein, er ermittelt nicht parallel zur Kripo. Denn die hat beide Fälle bereits ad acta gelegt.
Am Ende von "Nacht über Reykjavik" bin ich ratlos. Weil ich nicht weiß, ob der Autor zukünftig Erlendurs Karriere von hinten aufzäumt oder nicht doch Marian Briem verstärkt das Zepter in die Hand nehmen wird. Könnte sein, dass sich selbst Indridason darüber noch nicht einig ist. Der Plot in diesem neuen Roman ist routiniert geschnürt. Bis zum Schluss ist offen, wie sämtliche Erkenntnisse zusammen gehören, ein zunächst unübersichtliches Puzzle setzt sich recht glaubwürdig zusammen. Ein bisschen Gesellschaftskritik schwingt bei Indridason oft mit. Es ist kein Wunder, dass manch Obdachloser aus guten Gründen lieber am (Stadt-)Rand der Gesellschaft sein Dasein fristen möchte. Für Konzerte von Slade und Procol Harum fehlt das Geld, Shirley MacLaine ist im Kino nicht für alle sichtbar, American Fastfood dringt selbst in die Mitte der Gesellschaft sehr langsam voran und während sich die Volksdroge Alkohol bereits etabliert hat, ist Boxen in Island noch verboten.

Ohne "Splash" und sprachlichem Brimborium, in gewohnt ruhiger Weise, zeigt der Autor auch dieses Mal wieder scheußliche Schicksale auf. Und die haben in "Nacht über Reykjavik" ohne Zweifel wieder ihren Ursprung in der Gesellschaft. Und er stellt Fragen: Ist Obdachlosigkeit auch eine Art von Bestrafung für Begangenes? Dabei war es ein Unfall, der das Leben des Verstorbenen so nachhaltig veränderte. Ein typischer Island-Krimi, auch dieses Mal wieder packend und dicht erzählt. Eine Geschichte, die sich somit nahtlos in das Gesamtwerk des Autors einfügt.


ISBN-10: 3431039073
ISBN-13: 978-3431039078
382 Seiten
erschienen am 18. Dezember 2014
übersetzt von Coletta Bürling

Bastei Lübbe Verlag