Balvenie

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Sonntag, 26. April 2015

John Matthews - Stadt in Angst

Es gibt ja zahlreiche Mythen und andere Aufhänger aus der Vergangenheit, die über viele Jahre hinweg immer wieder aufgewärmt werden und als literarische Vorlage dienen. Es ist eben so, dass sich gerade diese hervorragend dafür eignen, seine eigene Fiktion drum herum auszubauen und dem geneigten Leser anzubieten. „Jack the Ripper“, der niemals gefasste Mörder an Prostituierten von Whitechapel, ist so eine Figur, die inzwischen wohl von unendlich vielen Autoren immer wieder ins Spiel gebracht wird. Ich muss gestehen, dass ich nach dem, gefühlt, 20. „Jack the Ripper“-Roman im Vorninein recht skeptisch bin. Doch dieses Mal bin ich froh, dass ich den Historischen Kriminalroman „Stadt in Angst“ von John Matthews gelesen habe. Und ich bin wirklich begeistert.


Da gibt es natürlich die als „Kanonischen Fünf“ bezeichneten Morde in London in der zweiten Hälfte des Jahres 1888, die wohl ganz sicher dem Ripper zugeordnet werden können. Dafür sprechen zu viele Fakten und Gemeinsamkeiten in der Tatausführung, sowie der Art von Opfern. Darüber hinaus sind noch heute viele Fragen offen, so dass eben nicht geklärt ist, ob noch weitere Taten, und falls ja, welche, auf das Konto des Täters gehen. Nun, der Autor John Matthews lässt den Ripper über den Großen Teich ziehen und sein Unwesen in New York weiter treiben. Auf ebenso bestialische und grausame Art und Weise. Wieder sind es weibliche Prostituierte, die ihrem Geschäft in Hafennähe nachgehen, und wieder werden sie aufgeschlitzt. Organe werden aus dem Torsos heraus geschnitten und, wie sich herausstellt, mit einem Zeichen versehen. Dadurch lässt sich die Verbindung zu den Leichen von London herstellen.

Nun gehen die Ermittlungen natürlich von Scotland Yard zur New Yorker Polizei über, allerdings nicht, ohne das ein englischer Vertreter mit seinen im Zuge der Ermittlungen erworbenen Fähigkeiten und Kenntnissen hilfreich zur Seite stehen soll. Wer sind die Hauptprotagonisten? Detective Argenti, 42 Jahre alt, ein Sohn italienischer Einwanderer, der im Alter von sieben Jahren in die USA kam. Er ist verheiratet und Vater. Dazu gesellt sich der Kriminalanalytiker Finley Jameson, erst Anfang 30, mit sauber gestalteten Vollbart, studierter Mediziner und gebürtig aus London, der nun in New York ansässig und mit der Begleitung der laufenden Ermittlungen beauftragt ist. Stets in der Nähe von Jameson findet sich sein Assistent Lawrence. Korrupte Polizeibeamte, die in direkter Verbindung zur Unterwelt stehen, sind im Gesamtverlauf der Story obligatorisch.

John Matthews baut in „Stadt in Angst“ alle seine Charaktere behutsam auf und verteilt die Entwicklungen im Geiste des Lesers über das gesamte Buch. Schnell bemerkt Argenti, zu Beginn noch mit Argwohn gegenüber Jameson behaftet, dass man eine sehr ähnliche und bewegende Geschichte mit sich trägt. Beide sind sensibel. Es geht zunehmend um Freundschaft und gegenüber Lawrence um gegebene Versprechen, die es nach allen Möglichkeiten einzuhalten gilt. Da wird die Umsetzung des Plots, in dem sich der unbekannte Täter in nicht überraschender Weise mit persönlichen Briefen an die Presse und somit an die Ermittler wendet, doch eher zur Nebensache. Natürlich gibt er Rätsel auf, die es zu lösen gilt. Und natürlich möchte er gefunden werden. Das Ganze passt logisch zur Perversion der Taten.

Dem Autor gelingt es, die Atmosphäre der Zeit an den Leser zu bringen, dazu lässt er mit zunehmender Zeit eine gehörige Portion Action vom Stapel. Ein Stück Gesellschaftskritik, die sich schon damals abzeichnende Schere zwischen Arm und Reich, scheingt dabei immer mit. Das Ganze ergibt eine packende Szenerie, die es dem Leser sehr leicht macht, darin einzutauchen. Im Ergebnis ist „Stadt in Angst“ deswegen für mich ein spannender Roman auf bereits ausgefranster Bühne, nämlich dem „Jack the Ripper-Thema“, der Spaß macht und für Krimifans äußerst unterhaltsam ist. Dieses Buch macht Laune und löst die Hoffnung aus, dass diese Protagonisten weitere Fälle lösen werden. Denn auf der Rückseite des Buches steht „Der erste Fall von...“.

508 Seiten
ISBN: 3442204380
erschienen am 15. September 2014
Page & Turner
übersetzt von Andreas Jäger

Montag, 13. April 2015

Christina Baker Kline - Der Zug der Waisen

Die Geschichte über die "Orphan Trains" ist auch ein kaum beachtetes Stück Geschichte der USA. Kinderverschickung im 19. und 20. Jahrhundert mit der Eisenbahn, als über 200.000 elternlose Kinder von der Ostküste der USA in den mittleren Westen verbracht wurden. Voller Zuversicht auf neue Familien und neuer Heimat fanden sich viele Kinder als billige Arbeitskräfte wieder. Man könnte eigentlich auch sagen, dass sie zu Sklaven wurden.

In "Der Zug der Waisen" schildert die amerikanische Autorin Christina Baker Kline im Jahr 2011 die Geschehnisse um die 17-jährige Molly, die bei Pflegeeltern in Spruce Harbor, Maine, aufwächst. Molly hat schwarze Haare mit hellen Strähnen, schwarze Fingernägel und trägt klobige Kruzifixe und Ringe aus dem Trödelladen. Man nennt so etwas auch Gruftie. Wegen eines Diebstahls von einem Buch in der örtlichen Bibliothek hat Molly die Wahl zwischen Jugendknast und 50 Stunden sozialer Arbeit. Sie entscheidet sich für letzteres.
Als die 91-jährige Vivian ihren Dachboden entrümpeln will, wird Molly als helfende Hand organsiert. Vivian ist die geborene Niamh Power, die mit ihren Eltern aus Irland in die USA auswanderte. Eine Flucht aus der Armut, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. In New York verliert sie bei einem Brand ihre Familie und wird zur Waise und somit ein Fall für das "Orphan Train Movement". In der Folge erzählt Vivian ihr frühes Leben und verwandelt dabei ganz nebenbei Molly in eine pflichtbewusste Jugendliche. Es entsteht eine beeindruckende Freundschaft zwischen der alten Dame und der Halbwaise Molly.
Ohne Schnulz und Schmalz (ein bisschen Herzschmerz ist bei so etwas immer dabei) liest sich dieser Roman sehr flüssig. Nichts wurde unnötig in die Länge gezogen, der Handlungsstrang ist übersichtlich und somit gut nachvollziehbar. Die Geschichte zeigt, dass Waisenkinder zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA nichts anderes als eine Last für die Gesellschaft waren. Vielmehr beschäftigte das Land der Börsencrash im Jahr 1929, so dass für Menschlichkeit gegenüber Hilfsbedürftigen nicht allzu viel übrig blieb.
Der Roman zeigt aber auch, dass Kinder, die im Zuge der Kinderverschickung Glück hatten, ein ganzes Leben von der Angst begleitet wurden, Liebgewonnenes wieder zu verlieren. Und während sich viele Erwachsene ihre Kindheit zurück wünschten, war für die meisten Waisenkinder das Erwachsensein eine Erleichterung. Und noch ein weiteres wird sehr anschaulich dargestellt: Verluste im Leben sind nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidbar.
Ein unterhaltsamer und lesenswerter Roman über ein Stück Geschichte der USA. Ein scheinbares Wohlfahrtsprogramm für Waisenkinder, welches in vielen Fällen leider nichts anderes als eine andere Form der Sklaverei gewesen ist.


350 Seiten
ISBN: 344231383X
erschienen am 10. November 2014
Goldmann Verlag